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Als St. Ingbert noch bei Bayern war

1716
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Grenzverlauf zwischen Bayern und Preußen im Jahre 1816

Der lange Weg von Bayern nach St. Ingbert eingeteilt in:

  • Die Feudalzeit in der Grafschaft von der Leyen.(1760-1791)
  • Die Franzosenzeit (1792-1815)
  • 100 Jahre (von 1816 bis 1919) Bayrische Rheinpfalz

 

Eine zeitkritische Studie mit karikativen Projektionen hin zur Gegenwart auf Basis von Zeitdokumenten aus eigener Sammlung, ergänzt mit Auszügen aus Beständen der Landesbibliothek Rheinland Pfalz und der bayrischen Staatsbibliothek in München von Rainer Kuhn

Aber warum über 200 Jahre zurückblicken?

Die Antwort von Machiavelli :

„Wer sehen will, was sein wird, muss betrachten was gewesen ist, weil alle Dinge in der Welt jederzeit eine eigentümliche Ähnlichkeit mit den vergangenen haben.Es kommt dies daher, dass sie von Menschen betrieben werden, welche immer dieselben Leidenschaften besitzen und besaßen und daher auch notwendig denselben Erfolg haben müssen.“

Einleitung

Abgesehen von der langen Präsenz der Wittelsbacher in der Pfalz, die nach dem Frieden von Luneville 1801 zu Ende war, kann man den Beginn der Bayernzeit für St. Ingbert erst auf das Jahr 1816 durch den endgültigen Staatsvertrag zwischen Österreich und Bayern  festlegen.

Im Jahre 1919 endete dann die Bayernzeit für die Rheinpfalz und somit für St. Ingbert  nach dem verlorenen 1. Weltkrieg. Es erfolgte die Abspaltung des Saarkohlebeckens von Deutschland und der wirtschaftliche Anschluß an Frankreich unter Aufsicht des Völkerbundes.

Bis dahin hatte St. Ingbert als Stadt und Regierungsbezirk in der westlichsten bayrischen Rheinpfalz eine gute Entwicklung genommen. Die Stadt gehörte neben Frankenthal und Kaiserslautern zu den wichtigsten linksrheinischen Industriestädten des Königreiches Bayern und hatte trotzdem seine landschaftliche Idylle bewahrt.

Dementsprechend hieß es 1910 in dem Blatt  „Führer durch St. Ingbert und Umgebung“ herausgegeben vom Gabelsberger Stenographenverein St. Ingbert:

„Am westlichen Ende der bayrischen Rheinpfalz liegt in einem langgestreckten Talkessel die Industriestadt St. Ingbert. Rings von bewaldeten Höhen umgeben, die nur auf zwei Seiten, den Talausgängen, durch grüne Wiesen und breite Landstraßen unterbrochen werden, muss St. Ingbert auf den Beschauer eine belebende und erfreuenden Wirkung ausüben.“

So ähnlich oder gleich könnte auch heute eine Werbung der Touristikabteilung der Stadt klingen. (und das 100 Jahre später).

Stolz präsentierten sich auch die städtische Infrastruktur mit einer Vielzahl von Staatlichen und Städtischen Behörden und Einrichtungen, einem fortschrittlichen Unterrichtswesen mit Gymnasium und Höherer Mädchenschule und sozialen Einrichtungen wie Bürgerhospital, zwei Knappschaftskrankenhäuser und ein Krankenhaus des Eisenwerkes.

Und natürlich die Industrie: Steinkohlengrube, Eisenwerk, 4 Glashütten, Baumwollspinnerei, 3 Leder-und Absatzfabriken, Pulverfabrik (zum Glück im Außenbereich), 2 Bierbrauereien, Maschinenfabrik, 2 Buchdruckereien mit Zeitungsverlag, Seifenfabrik, Thomasschlackenmahlwerk und viele mehr.

 Mehr als 5000 Beschäftigte zählte dieses aufstrebende Industriezentrum St. Ingbert bei einer Einwohnerzahl von 15.945 laut Volkszählung von 1905. Eine gute Bilanz, an der auch die bayrische Administration ihren Anteil hatte. (Und natürlich auch der König) Die gesetzlichen Bedingungen in diesem bayrischen Rechtsraum förderten schon damals das Wirtschaftswachstum.

Wer heute aber heute diese positive Erinnerung an Bayern (und den König) als Argument für den Aufbau einer CSU an der Blies und an der Saar zu benutzen versucht, wird auf jeden Fall noch eine geeignete Majestät im politischen Angebot vorweisen müssen, um Zuspruch beim saarpfälzer Wähler zu erhalten. Zusätzlich würde eine angepasste Ausgabe von Neuschwanstein für den Stiefelberg in St. Ingbert als wahlstrategisches Element, als festes Wahlversprechen, den Start der Unionspartei mit dem „S“ erleichtern.

Fest steht: Die Erinnerung an königlich bayrische Zeiten geistert  immer noch in den Gewölben der Stadtverwaltung und den Köpfen der älteren Bürger von St. Ingbert.

(An Königs Geburtstag gab es immer Süßigkeiten für die Kinder, so berichtet ein noch heute lebender, 101 Jahre alter Zeitzeuge aus St. Ingbert und das wirkt nach, das hat sich fest im kollektiven Gedächtnis der Saarpfälzer festgesetzt.) In diesem Teil der Republik (Saarpfalz) trauern noch viele der bayrischen Monarchie nach und in den Wohnzimmern wird heimlich der englischen Queen im Fernsehen gehuldigt. (mangels eines eigenen Königs)

 

Beweis: Das Wappen der Stadt St. Ingbert

Wappen_IGBDieses Wappen dokumentiert eindeutig die ganz zentral, von links unten nach rechts oben aufsteigende, politische monarchistische Gesinnung und die Affinität zu Bayern.(neben den bescheidenen Hinweisen auf den Bergbau und die Eisenindustrie).

 Feudalzeit bis 1792

Schon im feudalen System des römischen Reiches deutscher Nation entwickelte sich St. Ingbert von einem Walddorf zu einem bescheidenen Industriestandort. Die im Laufe der Zeit wechselnden Herrschaften erkannten sehr schnell die Bedeutung der in diesem Raum lagernden Kohle und Metallvorkommen, die zu heben, ihre gräflichen oder herzoglichen Kassen füllten.

In der Herrschaft Blieskastel, zu der St. Ingbert gehörte, regierten die von der Leyens. Das aus dem deutschen Hochadel stammende Geschlecht von der Leyen hatte im frühen 15.ten Jahrhundert (1420) als Folge einer Heirat einen Teil der Burg in Blieskastel geerbt. Das war der Fuß in der Tür zum alten Bliesgau.

Im Jahre 1657 zog dann der Kurfürst und Erzbischof von Trier, Karl Casper von der Leyen, das Lehen ein, das zuvor in der Hand einer anderen Herrschaft war und gab das ganze seinen Brüdern. (Ein richtiger Familienmensch!) als erbliches „Fidelkommißgut“. Im Jahre 1715 wurden die Leyen vom deutschen Kaiser in den Grafenstand erhoben. Zu dieser Grafschaft gehörten die Burg, das Städtchen Blieskastel als Residenz der Grafschaft und 31 Dörfer im Umkreis, darunter auch St. Ingbert.

Hier legte Gräfin Marianne von der Leyen die Fundamente für die sich rasant entwickelnde Industrie in St. Ingbert, indem sie die den Wildwuchs der privaten Kohle- und Erzschürfungen 1777 per Enteignung abstellte und die Ausbeutung der Bodenschätze in herrschaftlicher Hand konzentrierte. Das war die Grundlage (etwa zeitgleich mit Fürst Heinrich in Saarbrücken) für den professionellen Aufbau einer Kohle und Eisen schaffenden Industrie. (Montanindustrie)

Erstaunlich früh im Vergleich zu anderen Industriestandorten wurde noch in der selben Zeit eine Rußhütte für die Kokserzeugung gegründet. Die in St. Ingbert vorhandenen Lagerstätten von Fettkohle boten sich für diese Investition an. Koks war die einzige Alternative, die immer knapper werdende Holzkohle im Hochofenprozess der Eisengewinnung aus Eisenerz zu ersetzen.

Aber Gräfin von der Leyen verfügte nicht nur über eine gute Einschätzung der technisch wirtschaftlichen Entwicklungen, sondern über einen sechsten Sinn von gesellschaftlichen Entwicklungen: So hob sie 1786, also noch vor der französischen Revolution 1789, die Leibeigenschaft auf. Auch gestattete sie ihren (immer noch) Untertanen, die Kohle als Hausbrand zu verwenden, da die Wälder um St. Ingbert nicht mehr den Bedarf decken konnten. (Nach jahrelangem Rechtsstreit mit der Gemeinde und einem Urteil des Reichskammergerichtes in Wetzlar) Eine große Glashütte und ein Alaunwerk wurden gegründet und bildeten neben Eisenwerk und Schmelze und natürlich den Kohlegruben die Keimzellen einer prosperierenden Wirtschaft in der Folgezeit.

Und dann kam die Französische Revolution und mit ihr Napoleon. Im Saarland tauchten seine Truppen erstmals 1792 auf.

Die Gräfin von der Leyen, Resistenz in Blieskastel und Herrin von St. Ingbert, machte  sich rechtzeitig vor dem Eintreffen der französischen Truppen aus dem Staub und hielt dieses Ereignis in Ihrem Tagebuch für die Nachwelt fest. Vermutlich hatte sie Bedenken wegen der von ihr durchgeführten Enteignungen der Privatgruben vor einem französischen Gericht zu landen.

Heute sind ihre sterblichen Überreste wieder zurück in der Heimat in Blieskastel. Der Besitz der Grafschaft wurde von den Franzosen enteignet und der Gemeinde St. Ingbert übertragen, die zu diesem Zeitpunkt etwa 400 Einwohner zählte. In der historischen Betrachtung aber legten die Grafen von der Leyen und insbesondere die Gräfin Marianne von der Leyen den Grundstock für die erwähnenswerte Entwicklung der Wirtschaft und des Gemeinwesens von St. Ingbert.

Marianne-Ursula von der Leyen-eine Karikatur von Hieronymus Eisenhut
Marianne-Ursula von der Leyen-eine Karikatur von Hieronymus blue Eisenhut

 

(Parallelen und gewisse Ähnlichkeiten zu der heutigen Ministerin Ursula von der Leyen, die in die Dynastie einheiratete, sind nicht von der Hand zu weisen. Die von der Leyens ließen schon 1734 im St. Ingberter Eisenwerk Kanonenkugel gießen. Ursula von der Leyen blieb der Tradition ihres Namens treu und befasst sich zwangsläufig als Bundesverteidigungsministerin mit Gewehrkugeln die Läufe verbiegen.

Ihr damaliger Nachbar, der Karl II August, Herzog von Zweibrücken, ein Nebenzweig der Wittelsbacher, konnte sich gerade noch rechtszeitig durch Flucht dem Zugriff der französischen Justiz entziehen.

Ein Bauer aus St. Ingbert-Rohrbach hatte ihn rechtzeitig gewarnt. So wurde der Lauf der Geschichte wieder mal von St. Ingbert aus bestimmt.

(In Einschätzung der historischen Dimension dieser Warnaktion muss man sich die Frage stellen, welchen Lauf die Geschichte von St.Ingbert genommen hätte, wenn der Bauer aus Rohrbach einfach zuhause geblieben wäre).

Denn Herzog Karl II August Christian war für viele seiner Untertanen  ein menschenverachtender Despot, den man im Volksmund treffsicher „Hundskarl“ nannte. Er hielt ausschweifend Hof und das vor allem auf Kosten seiner Untertanen. Bedingt durch den Bau des Schlosses Karlsberg in Homburg, das die Franzosen dann 1793 vollständig zerstörten, mussten sich die Pfälzer Wittelsbacher hoch verschulden und die Abgaben für die Untertanen erhöhen. Der Herzog liebte die Jagd und und organisierte unzählige  Gesellschaftsjagden zur Darstellung seines Standes und Anspruches auf höhere Ämter. (Er spekulierte auf Basis der Wittelsbacher Hausverträge auf den Rang des Kurfürsten.) In der Tat verwandelte er sein Herzogtum in ein überdimensionales Jagdrevier. Die frustrierten Untertanen mussten in Fronarbeit Wildzäune bauen und sich um die zahlreichen Meuten von Hunden für die Parforcejagd kümmern. Daher der Spitzname „Hundskarl“.

Herzog Karl II. August Christian von Pfalz-Birkenfeld-Zweibrücken geb.1746, reg. 1775-1795
Herzog Karl II. August Christian von Pfalz-Birkenfeld-Zweibrücken geb.1746, reg. 1775-1795

Schloss Karlsberg in Homburg 1793 komplett zerstört von den Franzosen und nicht wieder aufgebautAber trotz allem: Ohne ihn, Herzog Karl II. August Christian, hätten wir heute kein „Karlsberg Bier“ (Die Biermarke Karlsberg verwendet seit jeher das Profil von Karl II August-Christian in ihrem Firmenlogo.) und vor allen Dingen keinen Staat Bayern. Denn:

Herzog Karl II. organisierte massiven Widerstand gegen das Vorhaben seines süddeutschen Verwandten, dem Kurfürsten von Bayern; die deutschen Wittelsbacher Besitzungen gegen die niederländischen Besitzungen Österreichs zu tauschen.

Ein Zustandekommen dieses Tauschgeschäftes mit Östereich hätte zur Folge gehabt, dass die Kerngebiete der Wittelsbacher in Süddeutschland, einschließlich den Herrschaften in der Pfalz, in den Besitz von Wien gekommen wären. (und die Wittelsbacher hätten sich in den Niederlanden im Gebrauch von Wohnwagen vertraut machen können.)

Diesmal waren die Preußen auf der Seite von Karl II. August, auch weil sie um den sich daraus ergebenden Machtzuwachs Österreichs besorgt waren.

Bavaria noch einmal Glück gehabt!

Karls II. August von Homburg erbte nach dem Aussterben des süddeutschen Zweiges das komplette Kurfürstentum der Wittelbacher. Nach seinem Tode übernahm sein jüngerer Bruder Maximilian Amt und Würde und wurde dann in der Folge 1806 König von Bayern, mit Ausnahme  der linksrheinischen Besitzungen. Diese wurden bereits 1801 im Frieden von Luneville französisches Staatsgebiet. Damit hatten die Franzosen endlich ihr Ziel erreicht, dass Louis XIV in seinen Reunionskriegen nicht erreicht hatte: den Rhein als Ostgrenze Frankreichs. Die neuen Eroberungen teilte man in 4 Departements ein. Diese Grenzverläufe bildeten die Basis  für die Gebietsverhandlungen in den Pariser Friedensverträgen, im Wiener Kongress 1814-1815 und für den Staatsvertrag zwischen der Großmacht Österreich und dem Königreich Bayern im Jahre 1816.

In der Feudalzeit, die 1792 mit dem Einmarsch der Franzosen zu Ende ging war Bayern für St. Ingbert noch nicht in Sicht.

Dort wurde nach dem Aussterben des süddeutschen Zweiges der Wittelsbacher und dem Bayrischen Erbfolgestreit, die Residenz der Bayern von Mannheim nach München gelegt. Kein Mensch hätte zu dieser Zeit gedacht, dass die Bayern einmal die Bilder ihres Königs in den Amtsstuben von St. Ingbert aufhängen würden. Aber wie die Zeit sich wandelt und das Leben so spielt…..

Rainer Kuhn

Im nächsten Teil:

Die Franzosenzeit (1792-1815)

 

 

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