Es ist wirklich schade: Der Brexit ist Realität. Die Briten haben hingeschmissen.

von Rainer Kuhn

 

Die Schockwellen dieses Austritts überziehen weltweit die Börsen. Zur Börseneröffnung um 9.00 Uhr in Frankfurt, war die Internetseite der Frankfurter Börse stundenlang wegen Überlastung nicht erreichbar. Wird das jetzt der Schwarze Freitag? Vorbörslich gab der Dax bereits zweistellig nach. Besonders betroffen sind die Werte der Banken, der Versicherungen und der Autohersteller.

Mit ihren ersten Reaktionen zum Wahlausgang in UK vermittelten einige Politiker das Bild einer Schulklasse, in deren Klassenraum eine Stinkbombe ( Metapher für den Brexit) hochging: Man hält sich die Nase zu, rennt wild durcheinander, gibt sich komplett unschuldig und war auf gar keinen Fall an der Missetat beteiligt. Natürlich weiß man auch nichts davon und ist für nichts mitverantwortlich. Dann werden schließlich die Fenster geöffnet und frische (politische) Atemluft strömt langsam in den Klassenraum und die Suche nach dem Schuldigen beginnt. Aber der schlechte Geruch hält sich hartnäckig und man muss das Klassenzimmer (Metapher für die EU) intensiv durchlüften, bevor es normal weitergehen kann.

In der Tat ist dieser Brexit mehr als eine Stinkbombe. Es ist ein scharfer Warnschuss vor den Bug des Europa-Schiffes.

Wie konnte es dazu kommen?

Die Briten, wie viele der noch verbleibenden 27 Staaten, sahen und sehen ihre nationale Identität und ihr Recht auf Selbstbestimmung im Einheitsbrei Europas verschwinden.

Die Abgabe von Souveränität an Brüssel ist den selbstbestimmten Briten nicht vermittelbar. So zum Beispiel werden die Verhandlungen über das Handelsabkommen TTIP mit den USA von den Briten mit äußerstem Argwohn begleitet. (Von einem großen Teil der Deutschen übrigens auch.) Dazu kommt der Ärger über die Flüchtlingspolitik der EU, den Verteilerschlüssel und der Affront durch unsere Kanzlerin, das Abkommen von Dublin ohne Rücksprache mit den Briten und Europa eigenmächtig außer Kraft gesetzt zu haben. Diese Aufzählung läßt sich leider noch fortsetzen.

Europa hat die Briten schlecht behandelt, jedoch nicht wirtschaftlich oder finanziell. (In der Gesamtrechnung wird das United Kingdom keine Verluste durch die Zugehörigkeit zur EU zu verbuchen haben.) Nein, der wahre Grund liegt darin, dass dem Vereinigten Königreich nicht der Stellenwert in Europa zuerkannt wurde, die diesem Staat und seinen Vertretern historisch, als Siegermacht und als wirtschaftliche und militärische Großmacht in der Welt, zusteht.

Zu diesem Aspekt gab es schon vor 2 Jahren die ersten Hinweise, indem prominente Vertreter des einflussreichen „House of Lords“ die Regierung und den PM öffentlich rügten, wegen der „Unsichtbarkeit“ des Vereinigten Königreiches auf der europäischen Bühne.

Nicht vergessen ist auch der Rüffel eines bekannten Franzosen an den PM, doch „das Maul zu halten“, als er sich zu dem Thema Euro in Brüssel auf einer gemeinsamen Sitzung äußern wollte.

In der Entscheidung zum Brexit schwingt viel verletzter Stolz der Briten mit! Es war nicht das Geld! „DIEU ET MON DROIT“-Gott und mein Recht!

Wir möchten alle auf die Vorzüge der Freizügigkeit innerhalb der Grenzen Europas, die Vorteile des großen Wirtschaftsraumes ohne Zollschranken und die Sicherheit im europäischen Rechtsraum nicht mehr verzichten. Auch die Geburtsfehler und die anhaltenden Probleme mit der gemeinsamen Euro-Währung  werden von der Mehrheit der Deutschen, wenn auch ohne Begeisterung, mitgetragen.

Jetzt müssen wir uns fragen, wie soll es weitergehen?  Ohne die Briten und ohne ihre vernunftgeprägte, wirtschaftskompentente und liberale Stimme in den europäischen Institutionen?

Fest steht:

Das politische System in Brüssel ist durch den Brexit aus dem Gleichgewicht gekommen und muss neu justiert werden.

Aber so schlimm das alles auch zu sein scheint, die Politik erhält hiermit auch die Gelegenheit unser gemeinsames Europa noch einmal von vorne, und was viel wichtiger ist, bis zu Ende durchdenken: Staatenbund oder Bundesstaat oder irgendetwas dazwischen? Begrenzung weiterer Akquisitionen oder gar Stop der aggressiven Erweiterungspolitik? Mit oder ohne Türkei? Gemeinsame Außen-und Verteidigungspolitik? Vernunftgesteuerte Europäische Integrationspolitik unter Wahrung der nationalen Kulturen?

Das alles sieht nach  vielen Überstunden in Brüssel, den nationalen Hauptstädten und in den Parlamenten aus. Und nach getaner Arbeit können wir unsere Freunde auf der Insel ja mal fragen, ob sie wieder bei uns mitmachen möchten.

Rainer Kuhn

 

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