Im Interview: Dorothe Dörholt über ihren neuen Film „Neue Kleider, dunkle Geschichte“

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Sie hat über die Situation indischer Frauen berichtet, Helmut Schmidt und Giscard d´Estaing interviewt und in „Wir Kriegskinder“ die verborgenen Traumata der deutschen Kriegsgeneration und ihrer Kinder dargestellt. Das sind nur wenige Beispiele aus ihrem beeindruckenden Werk. Nun strahlt ARTE Dorothe Dörholts neue Reportage „Neue Kleider, dunkle Geschichte“ aus. Wir sprachen mit der Filmemacherin, die übrigens aus dem nordsaarländischen Rappweiler stammt, was sie dazu bewog, die tragische Geschichte der Herero in Namibia zu dokumentieren.

SaarNews: Guten Tag, Frau Dörholt. Nur Wenige verbinden das „Safariland“ Namibia mit der deutschen Geschichte. Wie kamen Sie auf die Story von McBright Kavari und den Kleidern der Herrero?

Dorothe Dörholt: Ich bin für meinen Beruf sehr viel im Internet unterwegs und bin dabei vor einem Jahr über Fotos von Jim Naughten gestolpert, die wunderschöne afrikanische Frauen in üppigen Rüschenroben in einer Steppenlandschaft zeigen. Ich habe mich gefragt, wieso diese Frauen in der Hitze solche Stoffmonster tragen und bin auf die Suche nach der Antwort auf diese Frage gegangen. Meine Überraschung war groß, als ich las, dass diese Roben mit der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia zu tun haben und ich von diesem Teil unserer Geschichte keinen blassen Schimmer hatte. Weder im Schulunterricht noch später in irgendwelchen Medien war mir diese Geschichte begegnet. Ich habe dann in meinem Freundeskreis herumgefragt und bin auf das gleiche Unwissen gestoßen. Das hat mich schockiert und dazu motiviert, das Thema filmisch umzusetzen.

McBright Kavari und Frau Schimmig
McBright Kavari und Frau Schimmig

SaarNews: Wie wurden Sie von den Herero aufgenommen? Es ist zwar mehr als ein Jahrhundert seit dem Völkermord vergangen, aber die Nachwirkungen auf die Folgegenerationen sind offensichtlich massiv. Dennoch gewinnt man das Gefühl, dass die Personen, die Sie in Ihrer Reportage darstellen, keinen Groll gegen Sie als Deutsche hegen.

Dorothe Dörholt: Es ist wirklich traurig zu sehen, in welch schwierigen Verhältnissen viele Herero leben. Armut, Alkoholismus, Hoffnungslosigkeit, eben die typischen Anzeichen bei einem Volk, das sich noch nicht von einem kollektiven Trauma erholen konnte. Ich hatte vor Jahren Ähnliches bei den Indianern in den USA gesehen. Als Weiße ist es nicht einfach, den Kontrast zwischen dem Leben der reichen weißen Farmer und der in Blechhütten wohnenden Schwarzen auszuhalten, vor allem wenn man weiß, dass die Armut der Einheimischen von Deutschen mitverschuldet ist.

Ihre Frage, wie ich aufgenommen wurde, ist nicht leicht zu beantworten. McBright ist ein toller Kerl mit einem riesigen Herzen. Er und seine Familie haben mich sehr herzlich aufgenommen. Auch die anderen Herero waren sehr nett und begeistert, dass ich einen Film über diesen Teil unserer gemeinsamen Geschichte machen werde. Mir sind auch viele Herero begegnet, die sich nichts mehr wünschen, als ihre Verwandten in Deutschland kennen zu lernen. Frau Katjeimo z.B. hatte ihrem Enkelkind den Nachnamen ihres deutschen Großvaters als Vornamen gegeben, damit der Name nicht in Vergessenheit gerät. Das Kind hieß Krems. Die alte Dame erzählte, dass sie so gerne ihre deutsche Verwandtschaft treffen würde, auch wenn ihr deutscher Großvater die Herero-Großmutter mit Gewalt als Konkubine genommen hatte (Formulierung von Frau Katjeimo). Blut sei nunmal dicker als Wasser.

Frau Katjeimo
Frau Katjeimo

Trotz dieses warmen Kontakts habe ich eine gewisse Skepsis gespürt, ein Misstrauen mir gegenüber. Nach 10 Tagen Dreh kam diese Skepsis mit aller Gewalt zum Vorschein. Plötzlich hatte sich die Stimmung bei McBright verändert, er war kühl und distanziert, und ich konnte nicht nachvollziehen, was passiert war. Ich habe ihn dann darauf angesprochen und er hat nach langem Drängen erzählt, dass seine Schwester, die in England wohnt, ihm geschrieben hatte, ich beute ihn aus und würde mit dem Dokumentarfilm Millionen verdienen (leider denken viele Menschen fälschlicherweise, dass man mit Filmemachen reich wird.). Ich habe dann darauf bestanden, dass wir erst weiterdrehen, wenn dieses Thema geklärt ist. Es wurde eine Krisensitzung einberufen, bei der ich 5 Personen, inklusive Anwältin, gegenübersaß. Plötzlich war ich von einer Filmemacherin, die versucht den schmerzhaften Teil unserer gemeinsamen Geschichte filmisch aufzuarbeiten, zu der Täterin geworden, die die Geschichte wiederholt, in dem sie diesen jungen Designer ausbeutet. Diese Krisensitzung war sehr emotional sprich tränenreich für mich. In dem Moment habe ich etwas sehr tief gefühlt: Wenn es keine Entschuld(ig)ung für ein Unrecht gibt, bleiben beide Seiten in der Täter- bzw. Opfer-Rolle verhaftet und die Beziehung zueinander wird immer von dem Unrecht beprägt sein.

Ich möchte noch etwas zu den Reparationen sagen, die die Herero fordern. Über Jahrzehnte hat die deutsche Regierung viel Entwicklungsgeld an Namibia bereit gestellt: An Namibia, nicht an die Herero (und Nama, ein anderes Volk, das auch von dem Genozid betroffen war). Das Argument der deutschen Regierung lautet bisher immer: ‚Wir haben und geben weiterhin viel Entwicklungshilfe an Namibia. Deshalb bezahlen wir keine Reparationen’.

Aber das wäre so, als ob man einem Kind, das einem anderen Kind weh getan und das Fahrrad weggenommen hat, sagte, sei lieb zu allen Kindern und gib ihnen Süßigkeiten, dann hast Du das Unrecht gut gemacht. Das funktioniert nicht. Es gibt keine stellvertretende Entschuldung. Und was in dieser Diskussion ebenfalls immer vergessen wird, ist die Tatsache, dass Reparationen nicht nur den Herero zu Gute kämen, sondern auch den Deutschen. Es wäre eine Art Rehabilitation für uns. Wie bei dem Kind, das nach einer Entschuldigung und der Rückgabe des Fahrrads eine neue Chance auf eine Freundschaft erwirkt hätte.

McBright Kavari und zwei seiner Models
McBright Kavari und zwei seiner Models

SaarNews: Der Designer, den Sie portraitieren, und der uns Zuschauern den Blick in die Welt der Herero öffnet, heißt McBright Kavari. Ein ungewöhnlicher Name und ein ungewöhnlicher Mensch. Haben Sie seinen weiteren Weg seit den Dreharbeiten verfolgt?

Dorothe Dörholt: McBright ist in der Tat so ungewöhnlich wie sein Name. Jeder im Team, eingeschlossen der Cutter, der McBright ja nur in den Aufnahmen gesehen hat, hat ihn ins Herz geschlossen. Er hat gegen viele Widerstände in seinem jungen Leben ankämpfen müssen und macht das bis heute mit Ehrgeiz gepaart mit einer guten Prise Charme. Sein Herzenswunsch wäre eine Hospitanz bei Karl Lagerfeld oder einem anderen erfolgreichen Designer. McBright hat sich alles selbst beigebracht und möchte unbedingt bei einem Vollprofi in die Lehre gehen. Ich habe die Presseabteilung von KL bereits kontaktiert, aber leider noch keine Antwort bekommen. Auf Platz zwei von McBrights Wunschliste steht eine Modenschau in Deutschland. Aber dafür fehlt bisher das Geld. Er wird seinen Weg schon machen, da bin ich sicher.

SaarNews: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dorothe Dörholts neue Reportage kann bis zum 17. Januar 2017 jederzeit in ARTEs Mediatheque angesehen werden:

http://www.arte.tv/guide/de/063636-000-A/neue-kleider-dunkle-geschichte?country=DE

Weitere Dokus von Dorothe Dörholt finden Sie auf youtube:

Myanmar – Ein Dorf braucht Strom (Arte HD)

Wir Kriegskinder – Wie die Angst in uns weiter lebt (Doku HD)

Schmidt und Giscard d’Estaing – Eine Männerfreundschaft

Vergewaltigt! – Die Angst der indischen Frauen [HD, Doku]

Kinder der Gluecklichen: Nomaden im Iran

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