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Strompreis: Durchatmen – weiterzahlen!

Auch 2020 wird der Strompreis weiter steigen, nicht zuletzt wegen der „Energiewende“. Die EEG-Umlage zur Förderung von Ökostrom steigt um 5,5 Prozent auf künftig 6,756 Cent pro Kilowattstunde. Sie macht schon jetzt ungefähr ein Viertel des Strompreises aus. Auch die übrigen Kostenelemente, u.a. Netzentgelte, werden steigen.

Gerne wird mit einem durchschnittlichen Vierpersonen-Haushalt der Umfang der Erhöhungen veranschaulicht, sie dürften bei insgesamt ca. 40 Euro im Jahr liegen. Keiner wird deshalb auf die Straße gehen, kaum jemand den Anbieter wechseln und viele werden ihr Gewissen befragen, ob uns das Klima nicht ein paar Cent pro Tag mehr abverlangen darf.

Der Haken ist nur, der durchschnittliche Klimasünder existiert genauso wenig wie der Eckrentner. Die vierköpfige Familie mit zwei Einkommen (Öffentlicher Dienst), die im Eigenheim mit subventionierter Photovoltaik lebt, speist genau die teuren Kilowattstunden ein, die als Umlage die Mieterfamilie mit prekären Jobs trifft, deren Angehörige uns die Haare schneiden und Pakete liefern. 

Klimagewissen ist gut und teuer, schafft aber neue Ungleichheit. Weitere Maßnahmen gegen den Klimawandel werden schon propagiert: Elektroenergie soll fossile Energieträger ersetzen, „Abwrackprämien“ für Ölheizungen, Subventionierung neuer E-Autos, Erhöhung der Spritpreise und Gebäude dürfen weiter fleißig gedämmt werden. Zuschüsse werden die kassieren, die in der Lage sind zu investieren. Die steuerliche Entlastung von Bahn und Nahverkehr wird für die ländliche Bevölkerung im Saarland mangels Verkehrskonzept auch kein Trost werden. Eher wird Opas Kaminofen auf Feinstaub kontrolliert. 

Die Zeche für den Tesla des Besserverdieners werden also jene zahlen, die rechtzeitig zu Schichtbeginn aus Habkirchen nach Saarbrücken oder aus Sotzweiler nach Neunkirchen oder sonst wohin müssen. Und das oft, bevor über den Solaranlagen der feinstaubfreien Wohnbezirke die Sonne aufgeht oder der erste Saar-VV-Bus seine Waben abklappert. Die Krankenschwester müsste um 04:21 Uhr in Habkirchen losfahren, bevor sie nach zweimal Umsteigen um 05:55 Uhr am Winterberg-Krankenhaus ankäme. Mit dem Auto braucht sie 25 Minuten. 

Es werden solche Erfahrungen und Geschichten sein, die jeder tatsächlich erlebt und die in der öffentlichen Debatte kaum gehört werden. Der eklatante Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit öffnet eine neue soziale Kluft. Klimakosten könnten nach der Flüchtlingskrise das nächste Megathema sein, an dem sich die Populisten mästen werden. Es sei denn, die Politik legt offen, wer wieviel für unser aller Klima hinlegen muss, wer profitiert und wer zahlt. Bis dahin bleibt nur durchatmen und weiterzahlen.

Sepp Korn