Aktionsbündnis Patient und Sicherheit Saarland

Interview mit Ärztekammerpräsident Mischo und IKK Vorstand Loth 

Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Patient und Sicherheit, veranstaltet von der Gesundheitsregion Saar e.V., dem Gesundheitsministerium und der regionalen Krankenkasse IKK Südwest, ging es darum, wie man mit besserer Kommunikation unerwünschte Ereignisse während einer Behandlung verhindern kann; denn in Deutschland kommen pro Jahr allein 20.000 Krankenhauspatient*innen auf diese Weise ums Leben. Bei 800.000 Patienten treten vermeidbare unerwünschte Ereignisse auf. Am Ende der Diskussion zwischen Vertretern der Ärzteschaft, Qualitätsmanagern, Krankenkasse und Politik sprach sich IKK Südwest Vorstand Prof. Dr. Jörg Loth für ein regionales Aktionsbündnis Patient und Sicherheit aus. Die Expert*innen bewerteten diese Forderung unterschiedlich. Spontane Unterstützung kam allerdings vom saarländischen Ärztekammer-Präsident San.-Rat Dr. Josef Mischo, der „Sympathie für diesen Vorschlag“ zeigte. Das folgende Interview ist der Anstoß zu einem Dialog, wie man Patient*innen im Behandlungsverlauf schützen und befähigen kann. 

Frage: Herr Prof. Dr. Loth, wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden, welche Motivation steht hinter Ihrem Engagement, das sich auch im Buch „Patient und Sicherheit“ niedergeschlagen hat?
Loth: Uns ist  aufgefallen, dass zwar immer über anerkannte ärztliche Behandlungsfehler geredet wird, aber selten über die immense Zahl von rd. 800.000 unerwünschten Ereignissen pro Jahr. Das kann man einfach nicht auf sich beruhen lassen. Im Rahmen unseres Buchs wurde schnell klar, dass meist mangelhafte Kommunikation der Hauptgrund ist. Deshalb ist die zentrale Frage: Wie kann man die Kommunikation zwischen allen Beteiligten verbessern? Hier  muss gemeinsam nach Lösungen und nicht nach Schuldigen gesucht werden.

Frage: Herr Dr. Mischo, erinnern Sie sich aus Ihrer täglichen Praxis als Krankenhausarzt an ein unerwünschtes Ereignis und wie man es vielleicht hätte verhindern können?

Mischo: In der Chirurgie z. B. kann es zu Problemen kommen, wenn der Operateur kurzfristig verhindert ist und ein Chirurg einspringen muss, der den Patienten und seine Befunde nur unzureichend kennt. Hier hat das in den meisten Kliniken schon eingeführte „Team-time-out“ zu mehr Sicherheit geführt, d. h., vor Beginn der OP tauschen sich alle Beteiligten (Operateur, Anästhesist und OP-Schwester) über alle wichtigen Befunde nochmals aus und kontrollieren sich so gegenseitig.

Frage: Wie werden denn angehende Ärzt*innen und Pfleger*innen auf diese Dinge vorbereitet?

Mischo: Zurzeit erfolgt dies vorwiegend durch die Chef- und Oberärzte bzw. leitenden Pflegekräfte im Rahmen der Weiterbildung. Ich würde mir wünschen, dass die Themen Patientensicherheit und Risikomanagement einen größeren Raum schon in der Ausbildung und im Studium einnehmen würden.

Frage: Herr Prof. Dr. Loth, gemeinsam Lösungen zu suchen, heißt dann auch, den Patienten ernst zu nehmen und ihn einzubeziehen. Wie kann das aussehen?

Loth: Wir möchten die Patienten befähigen, Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen zu können. Fragen stellen ist kein Dürfen, sondern ein Muss. Das heißt aber auch, dass hier zwischen Arzt und Patient eine wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe stattfinden muss. Ziel soll eine partizipative Entscheidungsfindung zwischen Behandler und Patient sein.

Frage: Herr Dr. Mischo, was steht dem in der Praxis entgegen?

Mischo: Das Hauptproblem ist sicherlich der Zeitmangel. Oft erfahren wir aber auch nicht alle wichtigen Befunde, weil der Patient z. B. nicht daran denkt oder sie ihm nicht wichtig erscheinen.

Frage: Herr Prof. Dr. Loth, wie kann denn hier eine Krankenkasse unterstützen? 

Loth: Wir treiben die Digitalisierung voran, beispielsweise durch die Einführung der elektronischen Patientenakte. Mit ihr wird Transparenz an allen Stellen des Behandlungsprozesses gewährleistet, drohende Fehler durch schlechte direkte Kommunikation ausgeglichen. 

Frage: Bei allen Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, kommt der so genannten sprechenden Medizin immer mehr Bedeutung zu. Wie ist dies für Ärzt*innen und die Pflege umzusetzen, die ja jetzt schon unter dem Faktor Zeit leiden?

Mischo: Wenn wir die Möglichkeiten der Digitalisierung sinnvoll einsetzen, können wir durchaus Zeit gewinnen, die wir für eine bessere Kommunikation mit dem Patienten nutzen können.

Frage: Abschluss-Frage an Sie beide: Wie kann es mit einem regionalen Aktionsbündnis Patient und Sicherheit weitergehen, welche Partner*innen sind hier wichtig?

Loth: Alleine ist dies selbstverständlich nicht zu schaffen. Unsere  Veranstaltung mit der Gesundheitsregion Saar e.V. war eine der Möglichkeiten, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Ich freue mich über das Signal des Ärztekammerpräsidenten, hier mitzuarbeiten. Die dort angesprochenen Probleme sind – vielleicht nicht sofort – aber absehbar lösbar. Wir dürfen den Dialog jetzt nicht abreißen lassen.

Mischo: Die von Professor Loth angesprochene Sensibilisierung stellt einen ganz wichtigen Faktor dar. Wenn wir uns der Probleme bewusst sind, haben wir schon den ersten Schritt zu einer Verbesserung getan. Und ich stimme auch absolut zu, dass wir den Dialog nicht abreißen lassen dürfen. Daher unterstütze ich den Vorschlag, dass sich die wichtigsten Akteure z. B. zweimal im Jahr zu einem Gedankenaustausch und zum Festlegen weiterer Schritte treffen.

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