In einer saarländischen Stadt (es könnte jede betreffen) wurde am 22.03.2020 in örtlichen Facebook-Gruppen dazu aufgerufen, um 21 Uhr eine Kerze ins Fenster zu stellen. „Dann beten wir gemeinsam um Bekämpfung des Corona Virus“, lautete die Botschaft und „Gott möge uns beschützen“. Gleichzeitig würden sowohl in Italien als auch in Deutschland alle Kirchenglocken läuten, hieß es. Zahlreiche Gruppenmitglieder schienen ebenfalls die Anrufung göttlichen Beistands für sinnvoll zu halten und kündigten spontan ihre Mitwirkung an. „Meine Kerze brennt schon“, „meine auch“, „bei uns macht die gesamte Familie mit“, hieß es.

Keine zehn Minuten nach 21:00 Uhr war zu lesen, „meine Kerze brennt, aber Glocken läuten keine“. Gleichartige Meldungen zuhauf und ein Wandel der Stimmung von ursprünglich freudiger Erwartung zu frommer Demut: „Schade, dass keine Glocken geläutet haben. Aber trotzdem eine gute Idee“, (…) „ich habe leider auch keine Glocken gehört… aber wir haben etwas gemeinsam gemacht…ist doch auch schön“, „habe mit meiner Kerze am Fenster gestanden und trotzdem gebetet“ und „ich meine, das ist doch auch der Sinn. Zu beten und Kerze anzünden auch wenn es nicht läutet.“ Soweit alles Frauen und am Ende ein Mann mit dem trockenen theologischen Fazit: „Gott hätte uns viel beschützt, wenn er den Virus gar nicht ‚erlaubt‘ hätte.“ besser

Scheinbar war die Aktion eine sehr freie Interpretation des Aufrufs der örtlichen katholischen Pfarrei vom 18.03.2020, „täglich um 19 Uhr eine brennende Kerze in ein Fenster zu stellen und ein Vaterunser zu beten. Wir hoffen, dass wir mit so einem kleinen Zeichen vielen Menschen Zuversicht schenken können. (…) Auch religionslose Menschen können eine Kerze in ihr Fenster stellen. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, solidarisch zu sein“, so der Pfarrer. Das war eine richtig inklusive und freundliche Geste gegenüber nichtreligiösen Mitmenschen. Für die „Religionslosen“ dürfte allerdings der motivierende Hinweis befremdlich gewirkt haben, man werde dazu auch die örtliche „Schutzengelglocke“ läuten.

Man sollte diese Episode einfach für später festhalten. Sie wirft ein schon besonderes Licht auf den Umgang mit einer Pandemie im 21. Jahrhundert.

Wir sollten froh sein, dass es andere Instanzen gibt, die rational begründete Maßnahmen zur Kontaktreduzierung und Hygiene durchsetzen sowie Forschungseinrichtungen, die mit aller Kraft nach Therapiemitteln und Impfstoffen forschen. Und wir sollten zum gegebenen Zeitpunkt eine Kerze anzünden und unser Glas erheben zum Wohlsein all derer, die während dieser Krise bis zur Erschöpfung geschuftet und zu deren Überwindung beigetragen haben. Das schöne Bild des Schutzengels dürfen wir dann gerne auch auf sie übertragen.

In diesem Sinne: bleiben Sie gesund!