Lukas Kwasniok: Wir sind der Underdog der dritten Liga

saarnews im Gespräch mit dem Trainer des 1. FC Saarbrücken

Ein Beitrag aus dem aktuellen saarnews Magazin 1. FC Saarbrücken 2020/2021

saarnews: Beginnen wir mit der Erwartungshaltung. Nach dem verlorenen Spiel gegen Homburg kochten die Emotionen gleich hoch. War das in Karlsruhe und Jena ähnlich? Haben Sie die Reaktionen schockiert?

Lukas Kwasniok: Also, das ist in Karlsruhe und in Jena nicht anders. Es ist bei Traditionsvereinen Fluch und Segen zugleich. Das ist das Erste und das Zweite ist: Ich bekomme das nicht mit. In den sozialen Medien bin ich gar nicht vertreten und die Medienlandschaft verfolge ich eigentlich gar nicht, sondern nur, wenn mir Dinge zugeschickt werden. Das ist der Selbstschutz, den ich mir schon vor zwei, drei Jahren auferlegt habe, denn Du lässt Dich davon viel zu sehr leiten. Positiv wie negativ. Genauso habe ich die Medienlandschaft nach dem Sieg gegen Basel nicht durchforstet, weil mich dies nämlich nur vom Fokus, also der Arbeit mit der Mannschaft ablenkt.

Dass Fans enttäuscht sind, wenn ein Derby verloren geht, steht außer Frage. Wir haben von vorneherein ein konkretes Ziel gehabt: Dritte Liga. Und – auch wenn es hart klingt – ich kann dann nicht sieben oder zehn Tage Rücksicht auf einen Saarlandpokal nehmen und sagen: wir machen dann keinen Inhalt. Denn das fliegt uns dann wieder in der Liga um die Ohren. Und trotzdem hätten wir natürlich gerne das Spiel gewonnen. Aber der Fokus liegt auf Lübeck plus 37 Spiele. Es war vom Zeitpunkt her leider mitten in der Saisonvorbereitung. Wir hätten uns gerne einen anderen Auftritt erwünscht. Aus fachmännischer Sicht war er erklärbar, aus Sicht der Fans ist eine Niederlage nie erklärbar.

saarnews: Minos Gouras sprach darüber, dass es ihm in dieser Phase körperlich nicht so gut ging…

Lukas Kwasniok: Genauso ist es. Wir waren körperlich nicht auf der Höhe, geistig nicht auf der Höhe, auch von der Spielstruktur, von der Formation nicht. Das Spiel ist in die dritte Woche der Vorbereitung gefallen, mitten in die Testphase. Da war es einfach nicht möglich zu sagen, ich schnippe in die Finger und habe die Formation, die geistig und körperlich topfit ist und von der ersten bis zur letzten Minute Vollgas gehen kann.

Aber das liegt nun schon ein paar Woche zurück. Mein Auftrag bestand darin, die Mannschaft in die dritte Liga zu führen. Das haben wir mit ein wenig Beihilfe geschafft. Aber es ist wie es ist. Mein Auftrag war nicht, ins DFB-Pokal-Halbfinale zu kommen, sondern eine Mannschaft aufs Feld zu bringen, die in der Dritten Liga absolut konkurrenzfähig ist. Und daran arbeiten wir seit dem ersten Tag der Vorbereitung.

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saarnews: Es wurde auch das Spielsystem gewechselt. Vorher hatten wir ein 4-4-2, jetzt trainieren Sie ein 4-3-3, manche sagen auch ein 4-1-4-1. 

Lukas Kwasniok: Zwischen einem 4-1-4-1 und einem 4-3-3 gibt es ja nicht wirklich Unterschiede. Eigentlich nur die Höhe der Außenstürmer. Auch das ist natürlich schön, dass Menschen ein Thema haben, über das sie sich unterhalten können. Letztlich geht es nur um die Anordnung der Spieler auf dem Feld. 

Als ich die Mannschaft übernommen habe, hat sie die Bälle in der Regel fast nur durch das Zentrum durchgeprügelt und ist in extrem viele Kontersituationen gelaufen. Natürlich kreirst Du damit auch Torchancen, aber Du bist konteranfälliger. Die Idee war von Anfang an, die Anzahl der Ballverluste zu minimieren und das ist uns jetzt nach und nach gelungen. Wir sind in den letzten Spielen kaum in eine Kontersituation gelaufen. Das war das Entscheidende. Dazu suchst Du dann das vermeintlich passende System, um Überzahl in bestimmten Regionen zu schaffen. Wir versuchen also einfach mit drei Mittelfeldspielern und drei Angreifern Überzahl vor allem auch am Flügel zu schaffen und nicht mehr das Zentrum zu überladen. Es hat ein wenig Zeit gedauert, bis die Jungs gemerkt haben: Wir pressen den Ball jetzt nicht mehr zentral durch.

saarnews: Es war auch eine deutliche Steigerung in der Vorbereitung festzustellen…

Lukas Kwasniok: Wir haben in Frankfurt gut angefangen. In Karlsruhe war es auch sehr gut. Es gab anderthalb Spiele, die eben nicht gut waren. Das Blöde war, dass das eine Wertigkeit besaß, also das Spiel gegen Homburg. Und wir hatten eine Halbzeit gegen Hoffenheim, die nicht gepasst hat. Dieses war allerdings ein Spiel, das gar nicht geplant war. Wir waren fünf Tage in der Pause und nur weil bei Hoffenheim ein Spiel ausgefallen war und ich mit dem Trainer sehr gut kann, habe ich seiner Bitte zugestimmt. Wir haben also nach einer Trainingseinheit eine Begegnung angesetzt und so ist dieses Spiel außerhalb der Bewertung. Deshalb fand ich jetzt die Vorbereitung insgesamt, mit der Ausnahme Homburg, gut. Es war eine Steigerung zu sehen, aber gegen Frankfurt waren wir auch schon gut. Nur mit anderen Schwerpunkten. Nun haben wir alle Teilelemente des Spiels zusammenbekommen.

saarnews: Das Spiel gegen Basel erinnerte ein wenig an die Situation vor den Pokalspielen. Liegt der Mannschaft die Rolle des Underdogs?

Lukas Kwasniok: Ich hoffe, denn wir sind der Underdog in der dritten Liga. Wir sind Aufsteiger und wir sind Underdog. Wenn wir es schaffen, die 38 Spiele als einzelne Pokalfights anzusehen, dann bin ich guter Dinge. Wenn wir glauben – und damit meine ich Fans, Mannschaft, Vereinsverantwortliche, Presse, Trainerteam – dass wir Dinge runterspielen können und sehen uns irgendwie in einer Favoritenrolle, dann sind wir falsch gewickelt. Dann kann es ganz, ganz schnell nach hinten losgehen. Deswegen: Ich freue mich auf diese Underdog-Rolle in der Dritten Liga…

saarnews: Es ist ja auch mal etwas ganz anderes, denn in den letzten Jahren in der Regionalliga war der 1. FC Saarbrücken immer der Favorit. Ist die neue Situation vielleicht auch besser für die Spieler?

Lukas Kwasniok: Das weiß ich nicht. Das kenne ich auch nur vom Hörensagen (lacht). Ich habe diese Rolle nur eine sehr kurze Zeit mitbekommen.

saarnews: Viele Fans warteten nach den Millioneneinnahmen im DFB-Pokal auf einen „Knaller“.

Lukas Kwasniok: Wir schauen in den Geldbeutel und sehen, was ist da. Das habe auch nicht ich zu bestimmen, sondern andere Gremien. Und die geben uns den Rahmen vor. Also ich finde, dass wir für das verfügbare Geld sehr wohl „Knaller“ geholt haben. Wenn ich mir Shipnoski anschauen: Den wollte die ganze Dritte Liga. Da waren wir so penetrant und haben Tag und Nacht angerufen, dass er irgendwann gesagt hat: Die nerven mich so sehr, ich komm´ hierher. 

Marin Sverko. Der ist kroatischer U21-Nationalspieler. Das ist ja nicht jemand, der gerade vom Wasserball zum Fußball gewechselt ist. Der kann das schon, aber sein Körper hatte in der Vergangenheit gestreikt. Der hat schon wirklich Qualität. Jetzt nur einmal, um zwei Spieler zu nennen.

saarnews: Die Labels, die manche umgehängt bekommen, sind offensichtlich nicht immer zutreffend…

Lukas Kwasniok: Ja, was ist schon ein „Knaller“? Es geht ja auch um Mannschaftshygiene. Auch dieser Schrei nach irgendeinem Mittelstürmer… Das kommt, so habe ich das Gefühl, damit irgendein Thema da ist. Wir haben Jacob, das ist ein Topstürmer. Wir haben Vunguidica, der endlich wieder vorne spielen kann, weil wir hinten links nachlegen konnten. Dann haben wir Deville, der dort spielen kann, Shipnoski, der als Konterspieler dort agieren kann, Golley, der als falsche neun spielen kann. Wir haben sehr, sehr viele Optionen. Wir müssen den Jungs Vertrauen schenken und uns nicht die ganze Zeit mit irgendwelchen Neunern beschäftigen. Dass die Medien das tun ist normal, aber wir sind jetzt überhaupt nicht verzweifelt. Wenn sich auf dem Markt nun sich irgendetwas tun würde, das uns wirklich helfen würde und es ist machbar, dann wären wir ja von allen guten Geistern verlassen, wenn wir es nicht tun würden. Aber nur einen Spieler zu holen, um einen anderen Spieler, der sich bisher im Kader nichts zu schulden hat kommen lassen, zu vergraulen, das wäre nicht fair. Die Jungs geben Gas und wenn ich das Gefühl hätte auf der Position brauche ich unbedingt jemanden, weil derjenige vielleicht kein Gas gibt, wäre eine völlig andere Situation. Und deshalb: Die Mannschafts- und Kabinenhygiene ist enorm wichtig.

saarnews: Es gibt ein Überangebot an sehr guten, offensiven Mittelfeldspielern im Kader. Einer davon muss wohl auch gehen. 

Lukas Kwasniok: Es ist ja immer so: Wenn ein Kader zusammengestellt wird, dann bekommen viele Spieler nicht nur Ein-, sondern auch Zwei- und Dreijahresverträge. Wechselt der Coach, musst Du schauen, wie bekommst Du das mit den Spielern, die Du hast, erstmal hin. Es folgt die erste Periode und Du versuchst nach und nach einen Umbau einzuleiten. Da sind wir gerade dabei. Das ist auch ein Prozess, der jetzt nicht abgeschlossen ist, der immer dynamisch bleiben wird. Wir werden im Winter schauen, wie sich die Dinge entwickeln und auch im Sommer. Und dann ist es einfach auch einmal so, dass Positionen überbesetzt sind.

Wir kommunizieren das sehr, sehr deutlich. Von Beginn an, vor dem ersten Training. Das ist hart – und ganz ehrlich auch für mich als Trainer, denn in erster Linie sind wir alles Menschen – aber im Leistungssport ist es nun mal so: Wenn ich drei auf einer Position habe, dann ist da einer zuviel. Und dann ist es wichtig und richtig, dies von Beginn an zu kommunizieren.

saarnews: Ein Thema ist für die Fans ganz besonders wichtig: Das Abschneiden gegenüber Kaiserslautern. Spielt das für einen Trainer überhaupt eine Rolle? Es werden schließlich nur drei Punkte pro Spiel vergeben…

Lukas Kwasniok: Ich kann das nachvollziehen, schließlich bin ich in Karlsruhe aufgewachsen und habe viele Derbies gegen Stuttgart und Waldhof erlebt. Ich weiß, dass da die Emotionalität eine besondere Bedeutung hat. Ich identifiziere mich mit der Aufgabe, mit der Mannschaft mit dem Umfeld extremst und weiß, dass Spiele gegen Elversberg, Homburg, Lautern, Waldhof einfach besondere Spiele sind. Und wir geben auch da – und in diesen Spielen besonders – unser Bestes. Und dennoch ist es nun mal so, dass es zum einen nur mal drei Punkte gibt und zum anderen, die Saison nicht nur von diesen Spielen abhängt. Ich weiß, dass die Ergebnisse anders be- und gewertet werden, aber unser Ziel ist es, eine gute Saison zu spielen. Da hilft es, Derbies zu gewinnen. Aber es ist nicht das alles Entscheidende in Laufe einer Saison.

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saarnews: Welchen Stellenwert hat für Sie die Beziehung zu den Fans? 

Lukas Kwasniok: Ich habe da keinen Plan. Die Dinge entwickeln sich. Ich beschäftige mich in erster Linie mit meiner Mannschaft. Das ist die Kernaufgabe des Trainers. Ich glaube, je mehr Zeit man sich mit den Dingen, die im Umfeld passieren, beschäftigt, umso weniger Zeit investiert man in die Arbeit mit der Mannschaft. Und ich glaube, dass ich dafür eben bezahlt werde, Ich bin kein Politiker, ich bin Trainer. Und ich liebe die Nähe zu den Fans. Aber ich gehe nicht zu Fantreffen, sondern wenn sich die Dinge spontan entwickeln wie beispielweise bei dem Autokorso nach der offiziellen Bekanntgabe der Meisterschaft. Da waren wir in der Nähe von Fans und es wurde uns damals um die Ohren geschrieben. Wie man´s macht, man macht es vermeintlich falsch.

Deshalb konzentriere ich mich extremst auf die Arbeit mit der Mannschaft und mir ist wichtig, wenn Fans, Verantwortliche und Spieler fragen, wie geht der Trainer mit uns um? Hat das Hand und Fuß? Ist es nachhaltig? Ist es inhaltlich gut, ist es zwischenmenschlich gut? Dass dann positive Resonanzen kommen. Das ist mein Motiv: Meine Mannschaft weiterzuentwickeln. Und trotzdem, ist es wichtig, sich bei den Fans geborgen fühlen.

saarnews: Hat der Verein eine Vorgabe gegeben oder ergeben sich die Ziele aus der Saisonentwicklung heraus?

Lukas Kwasniok: Es gibt keine Vorgaben außer Klassenerhalt. Und ich finde, das ist ein absolut legitimes und großes Ziel. Saarbrücken war sechs Jahre nicht mehr in der Dritten Liga und wir tun gut daran, es zu genießen, in dieser Liga zu spielen. Denn, wenn man sieht, wieviel Geld da in die Hand genommen wird, siehe Viktoria Köln. Da sind tolle Mannschaften, Rostock, Dresden. Mannschaften, die in den letzten Jahren auch erfolgreich gewesen sind, aber den Anschluss knapp verpasst haben, aber wieder nach oben wollen. 1860, KFC Uerdingen. Dann muss man sagen: Es ist ein Privileg, da wieder dabei zu sein, sich dort zu etablieren. Aber dafür müssen wir zuerst in der ersten Saison dort wieder ankommen. Darauf freuen wir uns. Und, ich finde, dass dann vielleicht im Laufe einer Saison sich andere Ziele entwickeln können, aber nicht vor Saisonstart.

saarnews: Danke für das Gespräch!

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