Eine sportliche Misere, Unsicherheiten über die Zukunft des Vereins und ein Artikel der Saarbrücker Zeitung, in welchem das „Rasieren“ einiger etablierter Kräfte innerhalb des Teams angekündigt wurde, sorgten in der Länderspielpause für mächtig Unruhe in Saarbrücken. Trainer Alois Schwartz und Sportdirektor Jürgen Luginger gaben daraufhin Statements ab, in denen sie den Inhalt dieses Artikels als unwahr bezeichneten. Die spielfreie Zeit verlief also alles andere als ereignislos für den 1.FC Saarbrücken. Immerhin: Mit einem gewaltigen 9-0 setzte der FCS sich im Saarlandpokal gegen Sechstligisten SV Bliesmengen-Bolchen durch. Nach all den schwierigen Wochen zwar ein schöner Sieg, dennoch dürfte der Erfolg über einen Saarlandligisten dem Begriff „Pflichtaufgabe“ untergeordnet werden.

Nun wartet mit dem TSV 1860 München ein Club, bei dem es ähnlich wie beim 1.FC Saarbrücken fast schon chronisch unruhig ist. Auslöser dafür ist der mittlerweile langjährige Konflikt mit Investor Hasan Ismaik, welcher bis heute 60% der KGaA besitzt. Die gesamte Problematik im Detail zu erläutern, würde eindeutig den Rahmen sprengen, jedoch dürfte der aktuellste Konflikt dieser ermüdenden Angelegenheit zwischen Verein und Investor enormen Einfluss auf die sportliche Situation des TSV haben.
Im Sommer feierte Giesing bereits den Abgang Ismaiks. Ein neuer Anteilseigner sei gefunden lautete es, genauere Informationen wurden zunächst seitens des Vereins nicht preisgegeben. Mittlerweile ist bekannt, dass es sich dabei um einen Deutschen namens Matthias Thoma handelte. Dieser soll allerdings, aufgrund zweifelhafter Geschäfte, einen eher unseriösen Ruf als Investor genießen. Dementsprechend scheiterte die Übernahme und das Chaos begann von neu.
Die langersehnte Rückkehr in Liga zwei, schien vor dieser Saison so realistisch wie nie. Mit dem damaligen Cheftrainer Patrick Glöckner erreichte man eine ordentliche Bilanz von 29 Punkten in der Rückrunde, zudem wurde frühzeitig die Verpflichtung von Eigengewächs Kevin Volland kommuniziert, welcher in seiner Karriere auf 277 Bundesligaspiele, 17 Champions-League Partien und 15 Einsätze als Nationalspieler kam. Unvergessen natürlich seine fast schon legendäre Einwechslung als Linksverteidiger bei der EM 2021 gegen Frankreich.
Ebenfalls neu kam Florian Niederlechner. Der Mittelstürmer kommt auf die Bilanz von 197 Spielen im deutschen Oberhaus. Mit Torhüter Thomas Dähne (neun Bundesligaeinsätze für Holstein Kiel im vergangenen Jahr), Rechtsverteidiger Marvin Rittmüller (Torschütze für Eintracht Braunschweig in der Relegation gegen Saarbrücken), Sechser Max Christiansen (Hannover 96) holten die Sechziger viele weitere prominente Kräfte in Liga drei, um das erste Mal seit 2017 wieder ins Unterhaus zu gelangen. Ebenfalls erwähnenswert ist Sigurd Haugen. Der Norweger war vergangene Saison an Hansa Rostock verliehen und spielte dort eine starke Saison. In der aktuellen Saison stellt er mit fünf erzielten Treffern die meisten im Team.
Das Ziel stand fest, die Voraussetzungen waren gegeben, was sollte also großartig schiefgehen? Rein personell verfügt 1860 über den wohl stärksten Kader der Liga und galt in der ganzen Republik als Aufstiegskandidat Nummer eins und auch der Saisonstart glückte zunächst. Mit drei Siegen und zwei Remis aus den ersten fünf Begegnungen, rangierte der TSV knapp vor Saarbrücken auf dem zweiten Platz. Zwei Monate später treffen allerdings Tabellenplatz 14 und zehn aufeinander. Machtkämpfe innerhalb des Vereins kombiniert mit falschen Personalentscheidungen sorgten für den Absturz beider Teams in dieser Saison. Bei 1860 wird man sicherlich enttäuscht sein über den bisher dürftigen Impact der Transfercoups aus dem Sommer. So kommen beispielsweise Volland und Niederlechner jeweils erst auf zwei Tore in der Liga.
Den Erwartungen hinterher hinhängend trennte sich der Verein Ende September von Cheftrainer Patrick Glöckner und Sportdirektor Dr. Christian Werner. Interimsweise übernahm zunächst Alper Kayabunar, welcher als Coach der zweiten Mannschaft in der Oberliga Bayern Süd eine starke Bilanz aufzuweisen hat. Erfolgreich liefen die beiden Partien mit ihm allerdings nicht, so sprang am Ende ein Punkt aus zwei Spielen raus.
Im Anschluss folgte dann die Länderspielpause im Oktober, in welcher Markus Kauczinski als neuer Cheftrainer übernahm und sein Debut gegen Duisburg verlief ideal. Als erstes Team in der Liga schafften es die Münchner den MSV zu besiegen und lieferten auch spielerisch eine ansehnliche Leistung ab. Im Anschluss unterlag 60 auswärts formstarken Mannheimern verdient mit 1-3. Im Gegenzug erwartete 60 erneut ein Heimspiel gegen einen bis dato bärenstarken Spitzenreiter aus Cottbus, welches wieder positiv lief. Mit 3-0 schickten sie die Brandenburger souverän nach Hause und der Trainereffekt schien zu funktionieren.
Vor der Länderspielpause setzte es dann allerdings die bisher heftigste Saisonniederlage für 60. In Regensburg verloren die Löwen mit 0-4 und waren damit sogar noch gut bedient. Trainer Markus Kauczinski reagierte kurz nach Abpfiff völlig fassungslos in einem denkwürdigen Interview, und kündigte darüber hinaus an, dass man nicht einfach so in den normalen Alltag zurückkehren könne.
Generell fällt die Auswärtsschwäche des TSV auf. Gerade einmal vier Punkte sammelte das Team aus sieben Spielen in der Ferne und steht damit auf Platz 17 in der Auswärtstabelle, der FCS kommt mit sechs Zählern und Rang 14 auch nicht wirklich besser daher. Zuhause holten beide Mannschaften 14 Punkte, was sie im oberen Drittel der Liga platziert.
Nun zum sportlichen, 1860 läuft in dieser Saison meistens in einem 3-4-1-2 auf. Der Spielaufbau wird tendenziell flach und ruhig gestaltet. Viel liegt auf den Schultern der spielstarken Innenverteidiger Viet und Dulic. Hierbei wichtig zu erwähnen ist, dass mit Kapitän Verlaat und Schifferl zwei ebenfalls überdurchschnittlich gute Drittligainnenverteidiger ausfallen, weshalb mit Rheintaler in den vergangen beiden Spielen ein Ersatz zum Einsatz kam, dem es merklich an Spielpraxis fehlte.
Die Doppelsechs darf ebenfalls als eine Art Prunkstück des TSV gesehen werden. Thore Jacobsen und Tunay Deniz sind absolut elementar für das Spiel mit Ball, jedoch fällt auch Deniz nun längerfristig aus. Über die Außen läuft es meistens über die rechte Seite von Marvin Rittmüller. Dieser startet oft bis an die Grundlinie durch und schlägt Flanken in die Mitte, kommt aber auch in aussichtsreichen Situationen zum Abschluss.
In der Offensive enttäuschen Volland und Niederlechner, wie bereits erwähnt, ein wenig. Volland fehlt es an Athletik und er schafft es zu selten die beiden Stürmer in die Tiefe zu schicken, so wie es 60 in nahezu jedem Angriff plant. Niederlechner mangelt es momentan eher fußballerischer Art, zudem ist der Bezug zum Spiel nicht immer da. Diese beiden lassen situativ ihre Klasse aufblitzen, insgesamt kommt aber einfach zu wenig. Weitaus aktiver waren in den vergangenen Spielen Sigurd Haugen und David Phillip, welche sich in der Doppelspitze gut ergänzen. Eine große Stärke in der letzten Zeit waren die Standardsituationen, so eröffnete man die letzten beiden Heimsiege gegen die Spitzenreiter aus Duisburg und Cottbus per Standard zur Führung.
Gegen den Ball lief es insbesondere im vergangenen Spiel in Regensburg nicht nach Plan, es fehlte jeglicher Zugriff auf die gegnerischen Offensivspieler und es hagelte Angriffe im Minutentakt. Mit 25 Gegentoren stellen die Sechzger die viertschlechteste Defensive der Liga, hier könnte es also durchaus vielversprechend werden für die Offensivakteure der Saarländer.
Fazit: 1860 befindet sich ebenso wie Saarbrücken in einer sehr kritischen Lage. Das Spiel gegen Regensburg hinterließ einen tiefen Schock und bringt die Mannschaft praktisch in die Pflicht, Wiedergutmachung zu betreiben. Anders als Saarbrücken existiert in München kein Traineralibi mehr, es ist also davon auszugehen, dass ein ganz anderes 1860 am Sonntag auf dem Platz stehen wird, als noch vor der Länderspielpause. Der FCS braucht ebenfalls unbedingt wieder ein Erfolgserlebnis, hat allerdings mit noch mehr Fragezeichen zu kämpfen, was die sportliche Zukunft des Vereins betrifft. Für Alois Schwartz dürfte es erneut eine Art Endspiel sein. Der Coach bekommt also nach Havelse, auch aufgrund der generell schwierigen Situation im Verein, eine weitere Chance, das Ruder doch noch umzureißen.
