Bochum. Die Pläne der Europäischen Kommission für einen europaweit einheitlichen Ausbildungsrahmen in der Physiotherapie stoßen in Deutschland auf Kritik – insbesondere mit Blick auf das hierzulande vorherrschende Ausbildungsmodell. Der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) warnt vor Nachteilen für deutsche Berufsabschlüsse und sieht Reformbedarf in der Gesundheitspolitik.
Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an einem sogenannten „Common Training Framework“ (CTF). Ziel ist es, Qualitätsstandards in der Ausbildung europaweit stärker zu harmonisieren und die automatische Anerkennung von Berufsabschlüssen innerhalb der EU zu erleichtern.
Nach Einschätzung des IFK könnte die in Deutschland überwiegend fachschulische Ausbildung den künftig definierten europäischen Standards nicht entsprechen. Während in vielen EU-Staaten die Ausbildung vollständig akademisiert ist, werden Physiotherapeutinnen und -therapeuten in Deutschland laut Verbandsangaben zu rund 94 Prozent an Fachschulen ausgebildet. Der Anteil von Absolventinnen und Absolventen mit Hochschulabschluss liege bei unter fünf Prozent.
Mögliche Folgen für Anerkennung und Wettbewerb
Sollte der europäische Ausbildungsrahmen in der derzeit diskutierten Form umgesetzt werden, könnten deutsche Abschlüsse künftig nicht mehr automatisch in allen EU-Mitgliedstaaten anerkannt werden. Fachschulisch ausgebildete Kräfte müssten dann unter Umständen zusätzliche Nachweise erbringen, um im europäischen Ausland tätig zu werden.
Der IFK sieht darin eine Benachteiligung deutscher Fachkräfte im europäischen Wettbewerb. Zugleich verweist der Verband auf mögliche Auswirkungen im Inland: Eine im europäischen Vergleich niedrigere formale Qualifikation könne die Attraktivität des Berufs weiter mindern. Bereits heute zählt die Physiotherapie laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zu den Berufen mit besonders ausgeprägtem Fachkräftemangel.
Nach Angaben des Verbandes könnte eine sinkende Zahl von Auszubildenden die Versorgungssituation zusätzlich verschärfen. Schon jetzt berichten Praxen von langen Wartezeiten für Patientinnen und Patienten.
Politische Debatte über Akademisierung
Die Frage einer vollständigen Akademisierung der Physiotherapie wird in Deutschland seit Jahren diskutiert. Bildungspolitisch sind in erster Linie die Bundesländer zuständig. In der vergangenen Legislaturperiode galten vor allem Kostenfragen als zentrales Hemmnis für eine umfassende Reform.
Der IFK fordert seit längerem eine vollständige Hochschulausbildung für den Beruf. „Ein einheitlicher Ausbildungsrahmen ist ein wichtiger Schritt, um das Niveau der Physiotherapie in Europa anzugleichen. Er schafft Transparenz zwischen den unterschiedlichen Ausbildungssystemen und erleichtert die gegenseitige Anerkennung“, erklärt Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des IFK. Deutschland dürfe nun „nicht den Anschluss verlieren“.
Kritik richtet der Verband an Bund und Ländern, denen er eine fehlende klare Entscheidung vorwirft. Ob und in welcher Form der europäische Ausbildungsrahmen umgesetzt wird und welche Anpassungen sich daraus für Deutschland ergeben, ist derzeit noch offen. Klar ist jedoch, dass die Diskussion um die künftige Ausgestaltung der Physiotherapieausbildung an Dynamik gewinnen dürfte.

