Heute Morgen porträtierten wir bereits den neuen Cheftrainer Argirios Giannikis. Zeitgleich mit ihm wurde der neue Sportvorstand Markus Thiele präsentiert, der insbesondere durch seine Arbeit als Geschäftsführer in Ulm bekannt wurde. Unter seiner Leitung marschierte Ulm von der Regionalliga bis in die zweite Liga durch, bevor der direkte Wiederabstieg erfolgte.

Beginnen wir zunächst einmal von vorne. Markus Thiele startete 2009 als Geschäftsführer Sport der zweiten Mannschaft des VfR Ahlen, wo er unter anderem mit Sebastian Vasiliadis zusammenarbeitete. Parallel dazu übernahm er Teile des Marketings und des Managements bei der ersten Mannschaft. 2015 stieg er zum Geschäftsführer Sport des in der dritten Liga spielenden VfR auf. In seinen zwei vollen Spielzeiten schloss der Klub auf Rang 15 und 11 der dritten Liga ab. Thiele und Giannikis lernten sich wohl bereits Ende 2017 kennen, als der VfR erste Gespräche über die Nachfolge des langjährigen Chefcoaches Peter Vollmann führte. Thiele wechselte allerdings noch vor der Verkündung Mitte Dezember 2017 zu Hansa Rostock.
Zum Zeitpunkt seiner Übernahme als Vorstand Sport befand sich die „Kogge“ auf Platz vier der dritten Liga und damit mitten im Aufstiegskampf. Trainer war der heutige Ulm-Coach Pavel Dotchev. Beendet wurde die Saison allerdings auf Platz sechs, mit neun Punkten Abstand auf den von Alois Schwartz trainierten Relegationsteilnehmer aus Karlsruhe.
Im Folgejahr visierte man an der Ostsee den Aufstieg an. Thiele strukturierte den Kader um, am Ende hieß die Bilanz 17 Zugänge und 18 Abgänge vor der Spielzeit 2018/19. Nach der Hinrunde der folgenden Saison befand sich Hansa auf Platz acht, woraufhin sich der Verein von Thiele trennte.
Daraufhin blieb Thiele lange vereinslos und entwickelte in der Zwischenzeit eine eigene App, die ihn bei seinen Transferaktivitäten unterstützt. Diese beinhaltet eine Art Wertekodex mit Fokus auf Ehrlichkeit, Offenheit, Disziplin, Teamfähigkeit und Ehrgeiz, wie Markus Thiele Anfang 2021 im Interview mit Transfermarkt.de mitteilte. Der Spieler soll zunächst in einem offenen Fragebereich über sich selbst sprechen, beispielsweise darüber, wie er seine Rolle interpretiert. Daraufhin werden ihm innerhalb eines geschlossenen Fragebereichs auf ihn persönlich zugeschnittene Fragen gestellt. Im Laufe der Saison kommen dann die Prinzipien der Selbst- und Fremdreflexion zur Geltung. Der Spieler bewertet also das Gesagte selbst, zudem geben Teile der Mannschaft oder Führungskräfte des Vereins ihre Einschätzungen ab. Dieses komplexe Modul soll helfen, die Schwachstellen eines einzelnen Spielers herauszufiltern und die Kaderplanung insbesondere in Sachen Mentalität zu erleichtern.
Ein erstes Mal zum Einsatz dürfte die App schließlich in Ulm gekommen sein. Thiele wurde ab der Saison 2021/22 Geschäftsführer und landete mit der Verpflichtung von Trainer Thomas Wörle einen echten Volltreffer. Nach einem zweiten Tabellenplatz, knapp hinter der SV Elversberg im ersten Jahr, gelang den „Spatzen“ in der zweiten Spielzeit die Meisterschaft der Regionalliga Südwest. Doch dies war bekanntermaßen nicht die Spitze der Fahnenstange. So feierten die Ulmer auch im Folgejahr in Liga drei den Gewinn des Titels und marschierten durch.
Thiele entdeckte viele interessante Akteure, die heute noch in der ersten oder zweiten Liga spielen (z. B. Leo Scienza, Niklas Kolbe, Phillip Strompf). Mit dem Aufstieg in die zweite Liga schien ihn das Glück jedoch zu verlassen. Ulm verpflichtete kurz vor Transferschluss das bosnische Sturmtalent Aleksandar Kahvic für 1,5 Millionen Euro aus Serbien. Kahvic fand allerdings nie wirklich in die Mannschaft und gilt als Riesenflop. Dazu entließ er im Abstiegskampf Erfolgstrainer Thomas Wörle, den er durch den U19-Coach Robert Lechleiter ersetzte.
Mit Lechleiter gemeinsam ging es nach einer Saison im Unterhaus zurück in Liga drei. Der Start misslang, weshalb Lechleiter im September nach einer Niederlage in Saarbrücken gehen musste. Anstatt einen externen Trainer zu verpflichten, vertraute Thiele erneut auf die Fähigkeiten seines U19-Trainers. Moritz Glasbrenner verfügte allerdings nicht über die nötige Lizenz, um in der dritten Liga zu coachen, woraufhin der SSV Ulm Strafzahlungen leisten musste.
In der Folge einer 0:5-Niederlage gegen Hansa Rostock wandten sich die Ulmer Urgesteine Johannes Reichert und Christian Ortag in einem Brief an den Ulmer Aufsichtsrat. In diesem forderten sie ausdrücklich die Entlassung von Glasbrenner und Thiele. Abgesprochen war diese Aktion offensichtlich mit niemandem, der Aufsichtsrat willigte jedoch ein und beurlaubte Trainer und Geschäftsführer.
Markus Thiele leistete in seinen ersten Jahren in Ulm beeindruckende Arbeit und gilt als Konstrukteur eines wahren Fußballwunders. Am Ende geschah dennoch ein beispielloser Absturz inklusive Trainerentscheidungen, die für Aufruhr im Umfeld des Vereins sorgten.
In Saarbrücken gibt es vor allem im Bereich Scouting ein großes Vakuum im Vergleich zu vielen anderen Profivereinen. Gerade in diesem Bereich dürfte Thiele mit seiner Expertise eine Soforthilfe darstellen, die merkliche Veränderungen herbeiführen könnte.
