Nach zuvor acht Partien ohne Sieg und einer stets schlechter werdenden Spielanlage, trennte sich der 1.FC Saarbrücken unter der Woche folgerichtig von Alois Schwartz und Teilen seines Trainerteams. Sportdirektor Jürgen Luginger, der bis zur Winterpause übernimm, sah sich mit dem Heimspiel gegen Rot-Weiß Essen direkt einer kniffligen Aufgabe gegenüber. RWE gilt als einer der offensiv wuchtigsten Gegner, zudem beinhaltet jedes Spiel des Teams von Ex-FCS Coach Uwe Koschinat ein hohes Maß an Intensität, was die Saarbrücker Mannschaft in dieser Form in den vergangenen Wochen in keinem ihrer Auftritte beweisen konnte.

Luginger drehte an einigen Zahnrädern. So stellte er das schlichtweg nicht funktionierende 3-4-3 System auf ein 4-1-4-1 um, installierte mit Ex-Kapitän Manuel Zeitz eine Art „Holding Six“, also einen Spieler der diesen Raum durchgehend besetzt und unterstützte den ehemaligen Kapitän mit zwei zentralen Mittelfeldspielern vor ihm (Civeja und Kamara). Dies führte zu einer deutlich besseren Kompaktheit im Zentrum, was durch die im 3-4-3 von Schwartz unsichere Doppelsechs aus Rabihic und Krahn stets eines der größten Probleme des Saarbrücker Spiels war.
Die Innenverteidigung bildeten Robin Bormuth und Lasse Wilhelm, der ebenfalls formschwache Joel Bichsel wanderte nach dem katastrophalen Spiel in München auf die Bank. Wilhelm lieferte, sowohl mit als auch ohne Ball, eine sehr starke Partie ab. So eroberte er 19-Mal den Ball, gewann fünf seiner acht Zweikämpfe und unterstütze den defensiv sehr anfälligen Philip Fahrner oftmals gegen den gefährlichen Kaito Mizuta. Gegenpart Robin Bormuth machte es mit Ball ordentlich, schlägt die besten langen Bälle aller Innenverteidiger des FCS, hängt allerdings wie auch Philip Fahrner bei den ersten beiden Gegentoren mit drin, dazu aber später mehr.
Die Außenverteidiger Rizzuto und Fahrner erwischten gegensätzliche Tage. Calogero Rizzuto bewies einmal mehr, dass er sich auf der linken Abwehrseite augenscheinlich wohler fühlt, als auf der rechten. So wurde er in das Aufbauspiel eingebunden, indem er situativ auf die Doppelsechs rückte, und leitete von dort aus vielversprechende Aktionen ein. Des Weiteren konnte er auf der linken Seite einige 1 gegen 1 Duelle für sich entscheiden. Kritisieren könnte man, wie eigentlich immer, die schwachen Flanken. Generell zeigte dieses Spiel auf, dass der FCS in diesem Bereich enormen Nachholbedarf hat. So kamen lediglich acht der 36 geschlagenen Flanken an, bei RWE waren es im Vergleich acht von 20.
Philip Fahrner hingegen war der schwächste Saarbrücker an diesem Tag. So wurde er von Gegenspieler Kaito Mizuta aufgrund seines geringen Tempos und seiner mangelnden Defensivfähigkeiten im 1 gegen 1 regelrecht nass gemacht. Beim ersten Gegentor zieht RWE-Linksverteidiger Lukas Brumme ohne jede Anstrengung einfach an ihm vorbei, in der Mitte verliert Robin Bormuth seinen Mann völlig aus den Augen, dieser schiebt dann ins praktisch leere Tor zum 1-1 ein. Bei Gegentreffer Nummer zwei gelingt es Brünker nicht das Spielgerät festzumachen. RWE schaltet schnell um, Bormuth verlängert den Ball an den zweiten Pfosten, anstatt ihn sicher zu klären. Fahrner steht viel zu weit weg von Brumme, dieser zieht ab und schießt dem gebürtigen Schwarzwälder an den ausgestreckten linken Arm. Folgerichtig Strafstoß, welcher das 2-2 markierte. Das 2-3 entsteht eher aufgrund unzureichender Restverteidigung als aufgrund individueller Schnitzer, auch wenn Fahrner erneut nicht glücklich aussieht, indem er auf den Ball geht, ihn nicht erwischt und somit seinen Gegenspieler (Marvin Obuz) ziehen lässt, welcher kurz darauf die Vorlage zum Siegtreffer der Essener gab.
FCS-Fußballgott Manuel Zeitz lieferte eine solide Leistung ab. Das Ballbesitzspiel der Blau-Schwarzen lief weitestgehend an ihm vorbei und auch zweikampftechnisch lieferte er keinen allzu starken Impact. Er half seinem Team mehr durch seine Mentalität und das gute Stellungsspiel. Kurzfristig sicherlich eine ordentliche Lösung für diese Position. Langfristig dürfte ein Elijah Krahn, der auf der alleinigen Sechs seine Qualitäten im Spielaufbau aus einer tiefen zentralen Position sehr gut einsetzen könnte, sich womöglich durchsetzen.
Abdulaye Kamara agierte ungewohnt offensiv und aggressiv pressend auf einer der beiden Halbpositionen, bot zusätzlich auch viele Laufwege an. Tim Civeja machte sein bestes Spiel seit Jahren von Beginn an. Der 23-jährige durfte in Ballbesitz endlich auf seiner favorisierten Zehn starten, anstatt als tiefer Achter oder Sechser aufzulaufen. Civeja gewann viele 1 gegen 1 Duelle, spielte überragende Pässe in den Lauf, wie beispielsweise auf Patrick Schmidt in der ersten Hälfte oder zu Florian Pick vor dem 1-0. Lediglich die Entscheidungsfindung in eigenen Aktionen Richtung Tor lässt noch zu wünschen übrig. Wie etwa bei dem Konter kurz vor der Pause, als er viel zu lange braucht den perfekt stehenden Florian Pick einzusetzen, und den Ball, dem eigentlich nur zur Unterstützung mitlaufenden Kamara in den Rücken auf den schwachen rechten Fuß legte. Ansonsten ist Civeja ein Spieler, der in dieser Art Fußball unersetzliche Qualitäten aufzeigt.
Kasim Rabihic hingegen passte überhaupt nicht in die Offensive des FCS. Waren Tim Civeja, Patrick Schmidt und Florian Pick um ein schnelles Umschalten mit wenig Kontakten bemüht, wodurch auch die meiste Gefahr ausgestrahlt werden konnte, so agierte Rabihic erneut schleppend und konnte bis auf ein bis zwei gute Diagonalbälle nichts zum Offensivspiel beitragen. Hinzu kamen einige Unsicherheiten innerhalb der eigenen Hälfte. Diese Position könnte ideal durch einen Spieler wie Maurice Multhaup ersetzt werden, welcher einen starken Zug zum Tor aufweist, allerdings mal wieder gesundheitlich ausgebremst wird.
Florian Pick war in Hälfte eins sehr blass, nach der Pause jedoch nahm er die Partie nach und nach in die Hand und kreierte durch ein sehr gutes Zusammenspiel mit Patrick Schmidt einige Hochkaräter. Sein Tor war ein Paradebeispiel für seine herausragende individuelle Qualität.
Patrick Schmidt bekam den Vorzug vor Baumann und Brünker vermutlich aufgrund seines aktiveren Stils im Pressing. Als erster Pressingspieler ging er drauf, sobald die Essener die Mittelllinie erreichten und war das erste Glied, einer insgesamt weitaus kompakteren Saarbrücker-Truppe als in den letzten Wochen. Er machte seine Sache herausragend gut, bis nach rund einer Stunde merklich die Puste ausging und er durch Kai Brünker ersetzt wurde.
Insgesamt stellte dieser Auftritt eine gigantische Steigerung zu den Vorwochen unter Alois Schwartz dar. Die Mannschaft agierte in einer klaren Struktur und ging einem klar ersichtlichen Plan mit Ball nach. Diese beiden Aspekte konnte man in keinem der gespielten Partien unter Schwartz sehen. Problematisch bleibt der viel zu späte Zeitpunkt des Trainerwechsels. So stehen die Saarbrücker nun mit 20 Punkten nach 16 Runden gefährlich nah an der Abstiegszone (3 Punkte auf Aue) auf Rang 15. Das Restprogramm ist zudem mit dem Derby in Mannheim, einem Heimspiel gegen spielerisch brandgefährliche Hoffenheimer und dem Abschluss bei Hansa Rostock, ein ziemliches Brett.
Noten (1-6):

Phillip Menzel: Auf der Linie gewohnt stark, seine Abstöße allerdings teilweise schwach. 3,5

Calogero Rizzuto: Sehr starke erste Hälfte, in der zweiten dann ein wenig abgetaucht. Dennoch sieht man beim Deutsch-Italiener eine klare Steigerung in den letzten beiden Partien. 3

Robin Bormuth: Mit Ball relativ stabil, hängt allerdings bei beiden Gegentoren drin. Zwar stabilisiert er sich nach katastrophalen Leistungen zu Saisonbeginn, die erhoffte Verstärkung ist er allerdings noch nicht. 4

Lasse Wilhelm: Klar und deutlich der beste Saarbrücker in Sachen Defensivarbeit. Mit Ball sehr ruhig und druckresistent, gegen den Ball erfrischend aggressiv und sicher. 2,5

Philip Fahrner: Ein rabenschwarzer Tag. Offensiv wenig effektiv, defensiv ohne jede Chance gegen temporeiche oder dribbelstarke Gegenspieler. 5,5

Manuel Zeitz: Lieferte exakt das, was man noch von ihm erwarten kann, spielerisch und athletisch noch nicht überzeugend. Insbesondere in Sachen Mentalität und Stellungsspiel eine klare Verbesserung zur vorherigen Sechserposition. 4

Kasim Rabihic: Sehr glückloser Auftritt. Wirkte in der sehr schnell spielenden Saarbrücker Offensive ein wenig fehl am Platz und leistete sich einige Abspielfehler. 5

Tim Civeja: Bester Saarbrücker auf dem Platz. In der Position ein wahrer Gamechanger für den sonst so harmlosen Saarbrücker Angriff. 2

Abdulaye Kamara: Agierte ungewohnt weit vorne. Machte es soweit ordentlich mit und ohne Spielgerät, konnte aber vor der Abwehr spielerisch mehr glänzen als auf der Acht. 3,5

Florian Pick: In Halbzeit eins sehr passiv, in Halbzeit zwei Dreh- und Angelpunkt der Saarbrücker. 2,5

Patrick Schmidt: Sorgte für enorme Gefahr durch seine Positionierung und Tiefenläufe. Zeigte dazu ein sehr gutes Kombinationsspiel mit Florian Pick, er dürfte den Starterplatz unter Luginger zunächst sicher haben. 2,5
Keiner der eingewechselten Spieler kam auf genügend Spielzeit, um eine faire Bewertung abzugeben.

