Ein Sonderbericht des Saarländischen Rechnungshofs zeichnet ein differenziertes Bild der Lehrergewinnung im Saarland. Der Bedarf bleibt hoch, Verfahren sind teilweise veraltet. CDU und FDP sehen darin ein Versagen der Landesregierung, die GEW fordert einen Aktionsplan. Der Rechnungshof selbst formuliert seine Kritik zurückhaltender.
Saarbrücken. Der Lehrkräftemangel im Saarland ist kein Problem, das sich mit einer einzelnen Maßnahme lösen lässt. Das ist die zentrale Botschaft eines Sonderberichts des Saarländischen Rechnungshofs zur Nachwuchsgewinnung von Lehrerinnen und Lehrern. Die Prüfer haben den gesamten Weg betrachtet – von der Studienwahl über das Referendariat bis zur Einstellung. Ihr Befund: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Verfahren und Rahmenbedingungen zu verbessern.
Besonders deutlich wird die Herausforderung bei den langfristigen Bedarfsprognosen. Nach den Zahlen, die der Rechnungshof zugrunde legt, werden zwischen 2023 und 2035 insgesamt 3995 neue Lehrkräfte benötigt. Für 2027 wird ein besonders hoher Einstellungsbedarf von 505 Lehrkräften erwartet, der vor allem mit der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zusammenhängt. Danach soll der jährliche Bedarf wieder zurückgehen. Zugleich weist der Rechnungshof darauf hin, dass solche Prognosen wegen von Migration, Schülerzahlen, Reformen und anderen Faktoren nur als Orientierung dienen können und regelmäßig angepasst werden müssen.
Das Problem beginnt allerdings nicht erst bei der Einstellung. Schon heute können nach den Feststellungen des Rechnungshofs nicht alle Stellen mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden. Besonders schwierig ist die Situation demnach unter anderem an Förderschulen und beruflichen Schulen sowie in MINT-Fächern, Kunst, Musik und Französisch. An beruflichen Schulen seien Aushilfslehrkräfte teilweise unverzichtbar, um den Unterricht überhaupt abzudecken.
Alte Software, doppelte Arbeit
Ein besonders greifbares Beispiel für die Probleme findet sich in der Verwaltung. Das seit Jahren eingesetzte Personalverwaltungssystem LEDA beziehungsweise LE+ wird vom Rechnungshof als veraltet beschrieben. Schnittstellen fehlten, Daten müssten an mehreren Stellen manuell erfasst werden. Um die Defizite auszugleichen, seien in den zuständigen Referaten zusätzliche Excel-Listen und Access-Datenbanken entstanden – eine Art „Schatten-IT“. Der Rechnungshof empfiehlt deshalb ein modernes Personalverwaltungssystem.
Auch das Bewerbungsverfahren hält die Finanzkontrolle für verbesserungsfähig. Die Plattform INTERAMT sei nicht speziell auf die Anforderungen des Lehrerberufs zugeschnitten. Bewerber können demnach beispielsweise weder einen Stellenpool nutzen noch ihren Rang im Auswahlverfahren online einsehen. Der Rechnungshof empfiehlt ein transparenteres und schnelleres Verfahren mit zentral verfügbaren Informationen, automatisierten Abläufen und besseren Kontaktmöglichkeiten.
Dabei ist die Bilanz nicht ausschließlich negativ. Der Rechnungshof erkennt an, dass das Saarland bereits verschiedene Veränderungen vorgenommen hat. So wurde die Personalverwaltung 2020 neu organisiert und die Zahl der Einstellungstermine vereinheitlicht. Auch die Einführung eines Online-Bewerbungsverfahrens habe gegenüber der früheren händischen Bearbeitung Verbesserungen gebracht.
Sonderpädagogik bleibt besonders schwierig
Besonders angespannt ist die Lage bei den Förderschulen. Das Saarland bietet nach den Feststellungen des Rechnungshofs keinen grundständigen Studiengang für Sonderpädagogik an und ist deshalb auf Bewerberinnen und Bewerber aus anderen Bundesländern angewiesen. Gleichzeitig ist der Bedarf an entsprechend qualifizierten Kräften gestiegen.
Der Rechnungshof berichtet zudem, dass mehr als 70 Prozent der Plätze im Vorbereitungsdienst für Sonderpädagogik unbesetzt blieben. Er empfiehlt deshalb, nach Wegen zu suchen, die Situation zu verbessern. Als mögliche Instrumente nennt der Bericht unter anderem den Q-Master sowie weitere alternative Zugänge zum Lehrerberuf.
Quereinstieg als Teil der Lösung
Auch beim Quereinstieg sieht der Rechnungshof Möglichkeiten, allerdings nicht als Ersatz für eine solide Ausbildung. Das Saarland hat den Zugang zum Lehrerberuf inzwischen erweitert. Der Rechnungshof empfiehlt, den neu eingeführten Q-Master auf seine Wirksamkeit zu überprüfen. Sollte die erwartete Zahl an Absolventen nicht erreicht werden, könnten andere Modelle wie ein Seiteneinstiegsprogramm oder ein duales Lehramtsstudium geprüft werden.
Gleichzeitig betont der Rechnungshof, dass bei allen alternativen Wegen die Qualität der Lehrkräfteausbildung gesichert bleiben müsse.
Ein weiteres Problem betrifft die Vertretung erkrankter Lehrkräfte. Die mobile Lehrerreserve sei nach den Feststellungen des Rechnungshofs bereits früh im Schuljahr weitgehend ausgeschöpft. Fällt anschließend eine Lehrkraft länger aus, muss der Unterricht deshalb teilweise vom Kollegium aufgefangen werden. Das erhöhe die Belastung und könne sich wiederum negativ auf die Attraktivität des Berufs auswirken. Der Rechnungshof empfiehlt eine angemessene personelle Ausstattung der Reserve.
Auch die Arbeitsbedingungen spielen in dem Bericht eine Rolle. Der Rechnungshof empfiehlt, Gründe für vorzeitige Ruhestandsversetzungen systematisch zu ermitteln und erfahrene Lehrkräfte möglichst länger im Schuldienst zu halten. Denkbar seien unter anderem Teilabordnungen, Schulwechsel oder Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Auch finanzielle Anreize für eine Verlängerung der Dienstzeit werden genannt.
Parteien sehen politische Verantwortung
Die CDU-Landtagsfraktion wertet den Bericht als Bestätigung ihrer Kritik an der Landesregierung. Die bildungspolitische Sprecherin Jutta Schmitt-Lang spricht von einem fehlenden „schlüssigen Gesamtkonzept“ und verweist auf die prognostizierten knapp 4000 Neueinstellungen bis 2035. Die CDU fordert unter anderem einen eigenen Studiengang für Sonderpädagogik.
Noch schärfer fällt die Reaktion der FDP aus. Landesvorsitzende Angelika Hießerich-Peter spricht von einem „völligen Steuerungsversagen“ des seit 2012 SPD-geführten Bildungsministeriums. Zugleich warnt die FDP davor, unterschiedliche Beschäftigtengruppen statistisch gemeinsam als Lehrkräfte zu zählen. Entscheidend sei vielmehr, wie viele qualifizierte Lehrerwochenstunden tatsächlich für den Unterricht zur Verfügung stünden.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zieht aus dem Bericht andere politische Konsequenzen. Sie fordert einen Zehn-Punkte-Aktionsplan. Dazu gehören unter anderem ein Lehrstuhl für Sonderpädagogik an der Universität des Saarlandes, bessere Bezahlung, mehr Quereinstiegsmöglichkeiten, Schulassistenzen, zusätzliche Verwaltungskräfte und ein zentrales Online-Portal für den Lehrerberuf.
Damit liegen die politischen Bewertungen deutlich auseinander. Gemeinsam ist ihnen allerdings die Diagnose, dass die Gewinnung und Bindung von Lehrkräften schwieriger wird.
Der Rechnungshof selbst formuliert seinen Befund weniger zugespitzt als die Oppositionsparteien. Er spricht von „vielen Verbesserungsmöglichkeiten“ und fordert eine konzeptionelle und zielorientierte Zusammenarbeit aller an der Lehrergewinnung beteiligten Stellen. Die Umsetzung seiner Empfehlungen müsse zugleich die finanziellen Rahmenbedingungen berücksichtigen.
Die Debatte dürfte damit weniger um die Frage gehen, ob das Saarland beim Thema Lehrkräfte nachsteuern muss, sondern vor allem darum, wie. Der Sonderbericht liefert dafür eine lange Liste möglicher Ansatzpunkte – von der Ausbildung über die Digitalisierung der Verwaltung bis zu Besoldung, Quereinstieg und Arbeitsbedingungen. Ob daraus tatsächlich eine zusammenhängende Strategie entsteht, bleibt eine politische Entscheidung.

