StartFeatureUmherschweifende Urlaubsgedanken: Wie wollen wir leben?

Umherschweifende Urlaubsgedanken: Wie wollen wir leben?

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Wenige Wochen im Jahr erlauben es uns, Gedanken nachzuhängen, die nicht vom Alltagsbetrieb bestimmt oder vom Tagesgeschäft unterbrochen werden. Das gelingt besonders an Sommertagen, aber auch manchmal zum Jahresende. Während der Jahreswechsel wie selbstverständlich mit Ansprachen, Grußbotschaften, Rückblicken und Ausblicken garniert wird, bleiben die Urlaubstage hiervon verschont und jeder darf individuell und selbstbestimmt seinen Gedanken nachhängen.

Ein Tipp: Behalten Sie zunächst Ihre Gedanken für sich! Erstens gilt gedankliches Umherschweifen nicht gerade als ertragreich oder könnte zu Zweifeln an Ihrem Gemütszustand führen. Zweitens würde jede weitere Person Ihren Gedankengang sofort einer gewissen Schwerkraft aussetzen, ihn ablenken, seine Umlaufbahn ändern und vielleicht in das Universum der Verallgemeinerung schießen, aus dem er nie wieder zurückkehrt.

Ich jedenfalls habe das so gemacht und bin in meinen zweckfreien Stunden ganz allein und ohne Lesehilfe der Frage nachgegangen: Wie wollen wir leben?

Zunächst fiel mir die Kategorie des Wollens auf, bezogen auf ein wie auch immer geartetes Wir. Im Kern geht es um die Frage des künftigen Zusammenlebens. Damit es gelingen kann, brauchen wir eine Zukunftsperspektive. Derzeit herrscht diesbezüglich ein eklatanter Mangel. Der Blick geht nicht nach vorn, er verharrt auf Problemen der Gegenwart, orientiert sich bei manchen sogar eher an vergangenen Zuständen. Ich übertreibe jetzt: Aber diese Bewusstseinslage erinnert an das Mittelalter, in dem das Paradies für immer verloren war und das Ende der Welt nah erschien. Erst die Renaissance brachte einen Perspektivwechsel und damit Zukunftsglauben zurück.

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft wäre es die Aufgabe der Politik, erstrebenswerte Zukunftsbilder zu entwerfen. Das war einmal die Kernkompetenz der Linken. Linke Intellektuelle mit plausiblen Visionen fallen mir bei meinen Überlegungen allerdings nicht ein. Von grün-ökologischer Seite kenne ich auch fast nur Warnungen und Szenarien des Scheiterns. Direkt benachbart in der politischen Landschaft verbreiten die Konservativen Angst vor der Deindustrialisierung und einem demographischen Desaster. Lust auf Neues ist nicht erkennbar. Die Rechte fordert im harmlosesten Fall ein Land ohne Windräder, im schlimmsten Fall aber auch ohne ethische und sexuelle Vielfalt. Sie wirbt mit dem feuchten Traum eines Europas der Völker, das so nie existiert hat, verwandt mit dem von Trump für die USA propagierten „Great Again“. Auch die Religiösen wirken wieder kräftig mit in der Debatte. Sie liefern ihre Gewissheiten, die allenfalls für ein würdiges Leben im Jenseits taugen. Ihre gefährlichsten Cocktails aus Politik und Religion begründen dagegen schon im Diesseits handfeste Besitzansprüche, ausgrenzende Tabus, Terrorakte oder Gottesstaaten.

Wie wir leben wollen, ist eine der Kernfragen der Zeit, bei der wir auf uns selbst zurückverwiesen sind. Wir sollten uns schon selber darum kümmern, bevor es andere tun. Zunächst jeder für sich, dann mit unseren Mitmenschen.

„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, empfahl Immanuel Kant schon im Jahr 1784. Vielleicht finden auch Sie Zeit, seinem Appell für Vernunft und Aufklärung zu folgen. In diesem Sinne wünsche ich erholsame und hoffnungsvolle Urlaubstage!

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