Sonntag, Juni 20, 2021

Hat das Saarland im Blick auf das kulturelle Glaserbe eine Position?

Politik

von Maria Valentin

Spurensuche  –  ein Weg zur Erkenntnis                                          Mai 2021

Seit Jahren wird in der Kulturpolitik ein Wort großgeschrieben: „INDUSTRIEKULTUR“. Ein gutes Beispiel dafür ist das Areal der Völklinger Hütte, das zum vielbesuchten und inzwischen weltweit bekannten Weltkulturerbe – Standort geworden ist.

Dieser Ort saarländischer Eisenverhüttung ist den meisten Saarländern, auch der jungen Generation, bekannt. Ebenso ist die Geschichte des Bergbaus, zumindest an den Fördertürmen als Landmarken, noch ablesbar. Wie lange noch?

In Vergessenheit geraten ist vielerorts die ehemals florierende Glasherstellung und deren Entwicklung in der Zeit der Industrialisierung und bis weit ins 20ste Jahrhundert hinein.

Mir persönlich hat die „frühe Geburt“ kurz nach dem 2. Weltkrieg noch ermöglicht, von der Glasherstellung in unserer Region etwas zu sehen und zu lernen. Ich bin in einem Nachbarort von Wadgassen, dem Standort der Cristallerie von Villeroy & Boch, groß geworden. Meine Eltern und somit auch ich, kannten Menschen, die auf der „Glashitt schafften“. Bei meinem Weg ins Schwimmbad kam ich immer an der Cristallhütte vorbei. Das Gelände war von hohen Mauern umgeben und durch ein riesiges eisernes Tor mit einem Wärterhäuschen abgetrennt und somit unzugänglich. Zu sehen waren dahinter Autos und Fahrräder, ein Schornstein rauchte, das interessierte mich aber nicht weiter. Mit zunehmendem Alter machten mich die „guten Kristallgläser“ meiner Eltern auf die Glasherstellung in Wadgassen aufmerksam. Diese kamen nur bei Festen und Feiern auf den Tisch mit dem Hinweis, gut damit umzugehen, sie seien von V&B in Wadgassen. Von meinem ersten selbstverdienten “Nachhilfegeld“ kaufte ich mir nach und nach „gute Kristallgläser“ der Serie  “Versailles“ und vollendete sie mit der Zeit zu einem damals üblichen Dutzend jeder Glasgröße für meine Aussteuer. Es hat lange gedauert,  bis ich sie alle zusammen hatte, denn sie waren teuer. Zur Erinnerung hüte ich sie noch heute, auch wenn Form und Muster etwas aus der Zeit gefallen scheinen.

Damals erzählte mir meine Mutter, dass es auch in Völklingen- Fenne einmal eine Glashütte gegeben hatte. Ansonsten wusste ich von Glasherstellung im Saarland nichts, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin. Erst kurz vor dem Abitur habe ich nähere Bekanntschaft mit der Glasherstellung gemacht. Meine rührige Chemielehrerin machte mit uns Mädchen einen Besuch in der Cristallerie in Wadgassen. Ich war beeindruckt, wie aus weiß-gelblich glühendem Etwas, gerade aus einem Feuerloch entnommen, durch blasen, drehen, schwenken eine Form entstand. Welch ein Können und das bei dieser Hitze. Welche Kraft und Aufmerksamkeit müssen diese Männer haben, um sich bei diesem Getümmel um den Ofen herum nicht gegenseitig mit der langen Stange und dem feurigen Klumpen zu verletzen. Alles wirkte so fließend eingespielt, aber die Schweißtropfen standen ihnen auf der Stirn und die Hemden waren nass.

Natürlich besuchten wir auch die Glasschleiferei. In Reih und Glied saßen die Schleifer, hielten den Glasbecher, heute würde ich sagen die Kuppa, auf dem Striche gezeichnet waren, an die surrenden Rädchen oder Scheiben. Wasser lief über Glas, Hände und Unterarme. Welch eine Arbeit? Und das 8 Stunden oder damals vielleicht noch mehr? Was wäre passiert, wenn der Glasschnitt zu tief geraten wäre? Dann war die Arbeit des Glasmachers, das Ansetzen von Stiel und Fuß, der Abkühlungsprozess usw. „für die Katz“ und das Glas für den Abfallkübel. Welch ein Verlust! Also war hohe Konzentration gefragt und das für eine gleichförmige Arbeit, das Herausschleifen einzelner Linien, denn ein Schleifer bearbeitete nur einen kleinen Teil des vorgesehenen Musters. Wie hielten das Verstand, Arme, Augen und die Lungen aus? – Das waren meine ersten Einblicke in das Glas der Saarregion. Der Besuch in der Glashütte war spannend und nachhaltig. Ob die Glasarbeiter ihre Arbeit auch so sahen?

Erst über 30 Jahre später kam ich wieder auf die Spur des Glases im Saarland. Dieses Mal gemeinsam mit meinem Mann. Und wie so oft war es der Zufall, der uns die inzwischen schon sehr verblassten Spuren der Glasherstellung aufnehmen ließ. Zu einer Ausstellung beim Heimatkundlichen Verein Warndt (1999) wurden wir gefragt, ob wir Glaskerzenleuchter aus der Fenner Hütte hätten?

Wir zählten damals schon eine nicht unerhebliche Zahl von Pressglasleuchtern, die wir von Flohmärkten, vor allem aus Lothringen, zusammengetragen hatten, zu unserer Sammlung. Aber sollte so etwas auch im Saarland produziert worden sein? Davon wussten wir damals noch nichts.  Aus Lothringen und dem Krummen Elsass kannten wir inzwischen Standorte. Es gab noch Glasproduktion in Saint Louis lès Bitche, Wingen sur Moder, Baccarat und Portieux. Es gab den Fabrikverkauf in der beeindruckenden Halle von Vallérysthal und kleine Glasmuseen in Meisenthal und Baccarat. Die Pläne für die heutigen großen Museen „La Grande Place“ in Saint Louis und „Musée Lalique“ in Wingen sur Moder oder das Glaskunstzentrum (CIAV) in Meisenthal entwickelten sich gerade. Diese Standorte hatten wir alle schon besucht. Wir erkannten nach und nach die Zusammenhänge zwischen den Glashütten und der Dorfentwicklung. Immer mehr fanden wir Kontakte zu den Menschen vor Ort, die das Glaserbe der Region pflegten. Sie zeigten uns Kataloge der Produkte, sodass wir Pressglasleuchter zuordnen konnten, wenn sie nicht schon durch eine Pressmarke auf den Herstellungsort aufmerksam gemacht hatten.

Und wie sah das mit Fenne oder vielleicht auch Wadgassen aus? Auf Nachfrage bekamen wir von Peter Nest einen Katalogauszug der Fenner Hütte von 1906. Und siehe da!   Auf Anhieb konnten wir 11 Leuchter der heimatlichen Hütte zuordnen. Diese erste Produktausstellung in Völklingen-Ludweiler  war außerordentlich erfolgreich und machte uns auf die Geschichte der Fenner Glashütte  und deren Erzeugnisse aufmerksam.  Zur Ausstellung erschien eine Publikation „Die Glashütten im Warndt“, die zum ersten Mal aufzeigte, dass der Warndt im 17., 18. und 19.Jahrhundert über 20 Glashüttenstandorte aufwies.

Sofort stellte sich uns die Frage, wo sind die Spuren dieses innovativen Handwerks? Wer kümmert sich bei uns um das kulturelle Erbe der Glashütten? In Lothringen hatten wir gesehen, wie sich Menschen, Organisationen, Kommunen und sogar das ferne Paris um die Glasstandorte bemühten, das vorhandene zu bewahren und zu entwickeln. Vieles war schon vor 20 Jahren zu besichtigen und zu bewundern. Es wurde mit öffentlichen Geldern „in Wert gesetzt“. Aber im Saarland? Hatten vielleicht die Eisenindustrie und der Kohlebergbau mit weithin sichtbaren Landmarken die kleinen Glashütten zugedeckt. Wieso waren sie in Vergessenheit geraten? Ist vielleicht der untätige Mensch die Ursache des Vergessens?

Mein Mann und ich sahen für uns eine Aufgabe, spürten Verantwortung und wurden tätig. Wir suchten nach Spuren der Glasherstellung im Saarland in alten Schriften, in Büchern, in Doktorarbeiten, in genealogischen Aufzeichnungen usw. Wir sprachen mit Menschen, deren Väter und Großväter in Glashütten arbeiteten und ihren Lebensunterhalt verdienten. Sie berichteten uns, wie sie als Kinder dem Vater in einem Kochgeschirr das Mittagessen brachten. Wir besuchten noch vorhandene oder ehemalige Hüttenstandorte und die dazugehörigen Glasmachersiedlungen, soweit sie noch erkennbar waren. Wir fanden Katalogblätter, sogar noch 2 Originalkataloge der Fenner Hütte von 1906 und 1935/37 und konnten dadurch Produkte zuordnen. Was die Nachforschungen zu Erzeugnissen der Cristallerie von V&B in Wadgassen betrifft, erwies sich die Situation des Nachweises der Glasartikel als sehr gut. Im zugänglichen Archiv der Firma in Merzig gibt es Kataloge von den Anfängen in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der eigenen seriellen Herstellung 1985. Eine Fundgrube für Historiker und Kunstgeschichtler.

Persönlich überrascht waren wir bei unserer Spurensuche über die Vielzahl ehemaliger Glashütten rechts der Saar vor allem im Saar Kohlenwald. Nach dem 30jährigen Krieg und der Wiederbesiedelung der Dörfer, erkannten auch die Grundherren die positive Bedeutung der Glasherstellung. Friedrichsthal, Merchweiler, Sulzbach Quierschied und St. Ingbertund andere Orte waren Standorte von Glashütten. Von vielen dieser Glashütten gibt es keine Produktnachweise oder sie wurden noch nicht gefunden. Fensterscheiben oder Flaschen sind einem bestimmten Hersteller kaum zuzuordnen.

Bis heute gibt es leider keine koordinierte wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Geschichte. In der saarländischen Kulturpolitik scheint dies niemanden zu interessieren. Im Gegenteil, das Wenige, was es einmal im Museum in St. Ingbert über die dortige Glasgeschichte zu sehen gab, ist im Archiv verschwunden. Die Stadt St. Ingbert hat noch alte Glaszylinder, die ein Zwischenprodukt für Fensterscheiben waren. Sie ruhen in Frieden und unsichtbar im Archiv. Zu Beginn des 20sten Jahrhunderts wurden in dieser Stadt nach dem Fourcault’schen Ziehverfahren in einer der modernsten Hütten Europas große Glasscheiben produziert und bis 1975 in alle Welt verschickt. Heute ist das ehemalige Hüttengebäude saniert und umgenutzt. Glücklicherweise hat der Investor die Silhouette der Gebäude, auch des Ziehturmes erhalten. Auch die gegenüberliegende Glasmachersiedlung zeugt von frühem Unternehmertum.

In manchen ehemaligen Glasorten weisen nur noch Platznamen, Straßen oder Gebäudenamen auf die Glasvergangenheit hin. Gebäude gibt es kaum noch, doch Spuren sind noch vorhanden. Die sparsame Erinnerungsarbeit wird örtlichen Heimatkundlern überlassen.

Was fangen junge Saarländer oder auch ältere heute noch mit Begriffen wie Pottaschdell, Glashüttenplatz oder Glashüttenstraße an? Was sagen ihnen Namen wie Wenzel, Vopelius, Wagner oder Raspiller? Wo können wir Saarländer und unsere Gäste etwas über diese Zusammenhänge erfahren? Ist das Wissen darüber nicht unsere Geschichte. Wer weiß schon, dass die Glasöfen im 18. Jahrhundert die ersten „Großabnehmer“ der Kohle waren und so den ruinösen Holzverbrauch eindämmten?  Was hatte die Gründung der Glashütte in Fenne mit Kohle, Saarschiffahrt und Eisenbahn zu tun?  Das ist unser kulturelles Erbe, bzw. es gehört auf jeden Fall dazu.

All diese Zusammenhänge sind unsere Industriegeschichte. Sie sind nicht nur spannend, sondern auch identitätsstiftend und müssten wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Dazu gehört auch die Beziehung zwischen Eisenindustrie und Glashütten. Dies zeigt uns ein kürzlich aufgefundener Katalog von Produkten des Völklinger Eisen-und Stahlwerkes aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, in dem ausschließlich Glasmacherwerkzeuge aus Stahl angeboten werden.

Die Kunst des Glasmachens, die manuelle Glasfertigung, steht seit 2016 auf der nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes.

„Quo vadis“ saarländische Industriekultur?

Das unter anderem ein Zusammenhang der Glasindustrie innerhalb der Großregion bestand, scheint von der politischen Öffentlichkeit bei uns niemand wahrzunehmen. In der Literatur ist darauf verschiedentlich hingewiesen worden. In Belgien und in Grand Est zeugen große Museen und Glaszentren von dem Stolz auf die Glasgeschichte und betonen betonen die Zukunft dieses Rohstoffes. Neben der darin zum Ausdruck kommenden kulturellen Verantwortung haben sich diese Orte längst zu Premiumstandorten im Tourismus entwickelt. Eine zukunftsweisende Initiative des Eurodistrikts SaarMoselle, die „Route des Feuers“, wurde bei der Vergabe der Interregmittel Va 2017 politisch ausgebremst. Nach der Vorstellung der damaligen Antragsteller könnte die ehemalige Glashütte in Wadgassen der Standort sein, an dem die saarländische Geschichte der Glashütten aufgearbeitet wird. Die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude haben die Kraft und Ausstrahlung, zu einem bedeutsamen Glaszentrum in der Großregion zu werden. Für die grenzüberschreitende Kulturpolitik wäre dies eine zwingend notwendige und sinnvolle Ergänzung zu den Glasmuseen in Grand Est und Wallonien. Dieses Ziel verfolgt auch der Förderverein Glaskultur e.V., der ein überregionales Glasmuseum fordert, in dem die regionale Geschichte lebendig wird und gleichzeitig der Blick für das Glas der Gegenwart geöffnet werden könnte. Als Zentrum für Glaskultur in Lebenswelt, Technik und Kunst sollte es ein Lern- und Erlebnisort für Jung und Alt werden.

Hat das Saarland im Blick auf das kulturelle Glaserbe eine Position?

Maria Valentin

Literatur:

Walter Lauer, Die Glasindustrie im Saargebiet, 1922

Otto Flory, Die Geschichte der Glasindustrie in Lothringen, Jahrbuch der Gesellschaft für lothringische Geschichte und Altertumskunde, 23.Jahrgang 1911, S. 132 – 379

Harald Glaser, Eva Mengen, Ein untergegangener Industriezweig und seine Denkmäler, in Eckstein, Journal für Geschichte Nr.11, 2005, S.26-47

Eva Mendgen, Glas-und Kristallerzeugung (Überblick), Link: gr-atlasd.uni.lu, 2008

Eva Mendgen, Glaskunst – Art Verrier in Im Reich der Mitte, 2007

Ralf Banken, Die Industrialisierung der Saarregion1815-1914, Bd1 S.387ff, Das Glashüttengewerbe; Bd2 S533ff Die Glasindustrie, 2003

Hans-Christian Hermann, Saarbrücken á la carte, Glasproduktion- eine Säule der Saarwirtschaft und ihre Anfänge im 17. und 18. Jahrhundert, 2002

Peter Nest (Herausgeber für den Heimatkundlichen Verein Warndt), 200 Jahre Fenner Glashütte- Das Glaskarree Clarenthal, Forbach, Carlsbrunn, Fenne, 2014

Maria und Burkhardt Valentin, Wiedergefundene Schätze, Pressglas aus Wadgassen, 2020

Regionalverband Saarbrücken

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