Wiam Yagmour: Ein komplett neues Leben

In Deutschland wird gegenwärtig viel über Flüchtlinge und Ausländer gesprochen. Der Blick auf diese Menschen, die von woanders her gekommen sind, wird offensichtlich negativer. Es geht nicht selten um Abschiebemaßnahmen und die Einrichtung von Ankerzentren, Kurz: Man möchte diese Leute lieber heute als morgen wieder los werden. Angeheizt wird diese Anti-Stimmung durch Mord- und Vergewaltigungsfälle, die allen Asylsuchenden zugeordnet werden.

Als eine der wenigen Gemeinden hat Quierschied eine bemerkenswerte Willkommenskultur entwickelt, die positive Signale an die Neuankömmlinge aussendet. Diese werden nicht nur bei den ersten Schritten, sondern auch in ihrem weiteren Leben begleitet. Eine von diesen Flüchtlingen ist Wiam Yagmour aus Damaskus. Sie lebt nun seit zwei Jahren in Quierschied.

Wiam Yagmour lebt mit zwei ihrer vier Kinder in einer kleinen Wohnung in Quierschied. Die Gerüchte, dass es den Flüchtlingen besser ginge als Deutschen Hartz IV-Empfängern, erweisen sich schon beim Eintritt in den kleinen Flur des älteren Mehrfamilienhauses als Märchen. Direkt im Erdgeschoss an der Hauptstraße öffnet sich die Tür zu einem Wohnraum mit niedrigen Decken. Dennoch haben sich die Yagmours – soweit es ihnen möglich ist – gemütlich eingerichtet. Neben Wiam Yagmour begrüßen uns Sohn Abdelhai (12) und Tochter Rawad (11). Sie sind gut gelaunt und offensichtlich sehr daran inte-ressiert, ihre Geschichte zu erzählen.

Die beginnt nicht mir den Personen, die in dieser kleinen Wohnung leben, sondern mit dem Ehemann, der nach der Trennung vor einem Jahr nach Dudweiler umgezogen ist. Er flüchtete zuerst aus dem gemeinsamen Haus in Damaskus und landete dann in Quierschied. Seine Frau und die vier Kinder sollten folgen. Doch für die älteste Tochter (24) sollte es nicht reichen, denn die Flucht ist nicht nur gefährlich, sondern auch kostspielig. Mit dem Bus ging es nach Beirut, von dort aus weiter in die Türkei nach Istanbul und dann mit dem Flugzeug nach Deutschland. Die älteste Tochter lebt noch immer in Damskus. Alle Versuche, sie dort herauszubekommen, scheiterten bisher. Hier eingetroffen, kümmerte sich das DRK und eine Gruppe um den syrischen Regisseur und Quierschieder Integrationsbeauftragten Mwoloud Daoud, zu der auch Dr. Harald Klein, Sieglinde Daniel und Astrid te Koppele gehören, um die Integration der Yagmours. Die Kinder gingen bald zur Schule. Die Ehe der Yagmours scheiterte. Seitdem nimmt Wiam Yagmour ihr Schicksal in die eigenen Hände und lernt fleißig Deutsch, denn sie weiß, dass sie nur mit Hilfe der Sprache ihres Gastlandes hier wirklich heimig werden kann. Ihre Kinder sind durch den Unterricht naturgemäß etwas weiter. Besonders der aufgeweckte Abdelhai erzählt in sehr flüssigem Hoch-deutsch von seiner Schule und der alten Heimat: Seine Mutter hatte dort fortwährend Angst um ihre Kinder. Zwar wurde Damaskus nicht so stark vom Krieg getroffen wie etwa Aleppo, doch die Kämpfe reichten auch hier bis in die Stadt hinein. Und ein Ende der Konflikte ist nicht abzusehen.

Noch etwas erzählt der 12-Jährige: Es gibt in diesem Land keine Perspektive mehr. Alles ist zertrümmert, nicht nur die Gebäude, sondern auch das soziale Gefüge. „Ich möchte Astronaut werden!“ sagt er. Ein Wunsch, der in Deutschland schwer zu realisieren ist. Aber immerhin kann er sein Ziel verfolgen und darauf hinarbeiten. Würde er noch in Damaskus leben, wäre jeder Gedanke an ein solches Lebensziel hinfällig. Seine Schwester Rawad nennt „Lehrerin“ als Berufswunsch.

Ihre Mutter Wiam besucht seit einiger Zeit eine Sprachschule in Saarbrücken. Das dient nicht nur dem Erlernen der deutschen Sprache, sondern auch dem Knüpfen von Kontakten. Denn anders als man sich das vielleicht denken könnte, sind die Neuankömmlinge aus Syren nicht wirklich untereinander vernetzt. Wenn, dann meistens nur die Männer. „Die Frauen sitzen zuhause und kommen nicht raus.“ bestätigte uns Astrid te Koppele schon vor einigen Wochen im Gespräch.  Und so konnte Wiam Yagmour bisher auch nur Kontakt zu den Frauen des Quierschieder Frauenkochclubs aufbauen. Da sind neue Bekanntschaften natürlich wichtig. Denn auch wenn nicht alles in ihrem Leben seit der Einwanderung so lief, wie sie sich es vielleicht vorgestellt hat, ist für sie und die Kinder absolut klar, dass sie in Deutschland bleiben werden. Sobald sie die Sprache besser beherrscht, möchte sie wieder als Fitnesstrainerin arbeiten, oder eventuell auch in einem Restaurant als Köchin, denn sie liebt das Zubereiten von Speisen. Genauso mag sie das Arbeiten mit Blumen. So zauberte sie für das letzte deutsch-syrische Begegnungsfest ein Bouquet aus Blumen und Gemüse, das nicht nur die Festgäste faszi-nierte, sondern auch den Kammeramann des Saarländischen Rundfunks.

Wiam Yagmour und ihre Kinder werden vorankommen und ihr Leben in der neuen Welt, in der „Alles!“ anders ist als in ihrer alten Heimat, in den Griff bekommen. Der Wille ist spürbar vorhanden, wie auch die Bereitschaft sich zu integrieren und dazu zugehören. Und das ist auch ein Verdienst der Quierschieder Bevölkerung.

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