Jessica Krämer veröffentlicht mit „KAPUTT“ ein Buch über psychische Krisen, Einsamkeit, Überforderung und die Frage, was geschieht, wenn ein Leben im Ausnahmezustand zur Normalität wird.
Es ist ein Buch, das bewusst auf die üblichen Erzählungen über Selbstoptimierung verzichtet. Keine Erfolgsgeschichte, kein Ratgeber und keine Botschaft darüber, dass am Ende alles gut wird, wenn man nur fest genug an sich glaubt. „KAPUTT“ heißt das neue Buch von Jessica Krämer, das am 1. September 2026 erscheint.
Krämer ist bereits als Autorin der Autobiografie „Selbst schuld, du Schwuchtel!“ bekannt, die im vergangenen Jahr unter anderem vom Wochenblatt Landstuhl und von queer.de aufgegriffen wurde. Ihr neues Buch versteht sie ausdrücklich nicht als Fortsetzung. „KAPUTT“ soll für sich stehen und setzt keine Kenntnis der Autobiografie voraus.
Im Mittelpunkt steht eine Frage, die zunächst schlicht klingt und bei genauerem Hinsehen weit über psychische Erkrankungen hinausweist: Was geschieht mit einem Menschen, wenn das, was ihn eigentlich krank oder kaputt macht, irgendwann zum normalen Alltag wird?
Krämer beschreibt einen Zustand, der vielen Menschen vertraut sein dürfte: Man funktioniert, obwohl man eigentlich nicht mehr kann. Man steht morgens auf, geht zur Arbeit, erledigt Aufgaben, beantwortet Nachrichten und hält Termine ein – während die eigene psychische Verfassung längst etwas anderes signalisiert.
Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Depressionen, Angststörungen, Erschöpfung und Selbstfürsorge sind längst Teil öffentlicher Debatten. Krämer interessiert sich in ihrem Buch allerdings für den Widerspruch, der darin liegen kann: Psychische Belastungen dürfen thematisiert werden, solange sie den gewohnten Ablauf nicht allzu sehr stören.
„Sag ruhig, dass du depressiv bist, aber sei dabei möglichst sympathisch. Sag, dass du Angststörungen hast, aber komm trotzdem pünktlich“, heißt es in „KAPUTT“.
Das Buch versammelt persönliche Beobachtungen und Erfahrungen zu Einsamkeit, Selbsthass, finanziellen Problemen, Verlust, Beziehungen, Scham und psychischen Krisen. Dabei geht es Krämer nicht ausschließlich um Depressionen oder Angstzustände. Ihr Anspruch ist umfassender: Sie beschäftigt sich mit den Widersprüchen menschlichen Verhaltens.
Menschen können einander lieben und gleichzeitig hassen. Sie können jemanden vermissen und dennoch froh sein, dass diese Person nicht mehr Teil ihres Lebens ist. Sie können andere verletzen, ohne deshalb zwangsläufig nur aus schlechten Menschen zu bestehen. Und sie können sich an Zustände gewöhnen, die ihnen eigentlich niemals hätten normal erscheinen dürfen.
„Irgendwann wird aus dem Ausnahmezustand Alltag und man merkt es nicht einmal“, schreibt Krämer.
Gerade darin liegt der zentrale Gedanke des Buches. Nicht unbedingt die akute Krise ist das größte Problem, sondern die Möglichkeit, dass sie irgendwann nicht mehr als Krise wahrgenommen wird. Wenn Erschöpfung zum Dauerzustand wird, Einsamkeit zum Alltag und das bloße Funktionieren zum Maßstab dafür, ob alles noch irgendwie in Ordnung ist.
Der Ton des Buches ist dabei bewusst ungeschönt. Krämer schreibt derb, stellenweise provokant und bisweilen mit schwarzem Humor. Das Komische entsteht dabei nicht aus einer Verharmlosung der beschriebenen Situationen, sondern eher aus ihrer Absurdität. Wo die Realität kaum noch auszuhalten ist, kann Humor zu einer Form werden, mit ihr umzugehen.
Eine Lösung präsentiert „KAPUTT“ dagegen nicht. Das Buch will kein Ratgeber sein und erhebt auch nicht den Anspruch, einen Weg zum besseren Leben gefunden zu haben. Krämer beschreibt vielmehr einen Zustand, in dem Unsicherheit, Fehler und widersprüchliche Gefühle dazugehören.
Damit unterscheidet sich „KAPUTT“ auch von einem Teil jener Literatur, die psychische Krisen in eine klassische Entwicklungsgeschichte verwandelt: Krise, Erkenntnis, Veränderung – und am Ende die geläuterte Persönlichkeit. Krämer verweigert diese Dramaturgie. Nicht jede Krise führt automatisch zu einer Erkenntnis, und nicht jedes Leben lässt sich in eine Erfolgsgeschichte umdeuten.
Am Ende bleibt deshalb weniger eine Anleitung als eine Zumutung: die Aufforderung, genauer hinzusehen, wenn Menschen nach außen funktionieren. Denn äußerlich kann ein Alltag längst wieder normal aussehen, während sich innerlich etwas völlig anderes abspielt.
„KAPUTT“ erscheint am 1. September 2026 unter der ISBN 978-3-384-99118-8.
Vielleicht liegt die wichtigste Aussage des Buches deshalb auch nicht in einer Lösung. Sondern in der schlichten Erkenntnis, dass ein Mensch mit seinem Ausnahmezustand nicht zwangsläufig allein sein muss.

