Fußball ist für viele Menschen weit mehr als ein Sport – er ist Leidenschaft, Gemeinschaftserlebnis und emotionales Auf und Ab. Doch mit dem mitreißenden Fan-Dasein können auch gesundheitliche Risiken einhergehen, wie aktuelle Forschung zeigt. Eine neue Studie aus Kanada, veröffentlicht im Fachmagazin Scientific Reports (2026), belegt messbare Auswirkungen spannender Spiele auf das Herz-Kreislauf-System von Fans: Puls, Blutdruck und Stressparameter steigen deutlich an – teils auf Werte, wie sie sonst nur bei körperlicher Belastung auftreten.
Auch ein Beitrag im Deutschen Ärzteblatt (Februar 2026) mahnt zur Achtsamkeit. Besonders für Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder koronarer Herzkrankheit könne emotionaler Stress gefährlich werden. Warnsignale wie Brustschmerzen, Schwindel oder Luftnot sollten ernst genommen werden – auch während des Lieblingsspiels.
Vor diesem Hintergrund spricht saarnews mit dem Herzspezialisten Dr. Helmut Isringhaus über die physiologischen Reaktionen auf Fußballfieber, Risikofaktoren und die Chancen moderner Technik für die Prävention.
saarnews: Herr Dr. Isringhaus, eine aktuelle Studie zeigt: Fußballfans geraten bei wichtigen Spielen messbar unter Stress, Herzfrequenz und Belastung steigen deutlich an. Überrascht Sie das?
Helmut Isringhaus: Überrascht eigentlich nicht – im Gegenteil. Fußball ist für viele Menschen weit mehr als Unterhaltung. Emotionen wie Hoffnung, Angst, Wut oder Euphorie wirken direkt auf das vegetative Nervensystem. Dass sich das in Puls, Herzfrequenzvariabilität und Stressparametern niederschlägt, ist medizinisch absolut plausibel.
saarnews: Die Studie zeigt, dass die Belastung bereits Stunden vor dem Anpfiff beginnt und besonders hoch ist, wenn Fans im Stadion sind. Was passiert da im Körper?
Isringhaus: Der Körper reagiert auf emotionale Anspannung ähnlich wie auf körperliche Belastung. Stresshormone werden ausgeschüttet, Herzfrequenz und Blutdruck steigen. Im Stadion kommen zusätzliche Faktoren hinzu: Lärm, Enge, kollektive Emotionen, oft auch Alkohol. Das verstärkt die Kreislaufreaktionen deutlich.
saarnews: Muss man sich als Fußballfan nun Sorgen machen?
Isringhaus: Für gesunde Menschen ist das in der Regel unproblematisch. Kritisch kann es aber für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden: koronare Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck. In diesen Fällen kann ein extremes Spiel tatsächlich ein Auslöser für Beschwerden sein – das zeigen auch frühere Studien.
saarnews: Heißt das, Fußball kann gefährlich sein?
Isringhaus: Fußball an sich nicht – aber starke Emotionen sind ein realer Stressor. Man darf nicht vergessen: Das Herz unterscheidet nicht zwischen „emotionalem Stress“ und „körperlicher Belastung“. Beides erhöht den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels. Deshalb sehen wir rund um große Spiele immer wieder mehr Notfälle.
saarnews: Interessant ist auch, dass die Herzfrequenz bei Toren oder besonders spannenden Spielphasen regelrecht explodiert – selbst wenn das Spiel eigentlich schon entschieden ist.
Isringhaus: Das ist ein spannender Befund. Er zeigt, wie subjektiv Emotionen sind. Medizinisch sprechen wir hier von einer Diskrepanz zwischen objektiver Lage und subjektiver Wahrnehmung. Hoffnung, Identifikation mit dem Verein und Gruppendynamik spielen eine enorme Rolle. Das Gehirn feuert – und das Herz macht mit.
saarnews: Welche Rolle spielt Alkohol dabei?
Isringhaus: Alkohol verstärkt das Problem. Er erhöht die Herzfrequenz, begünstigt Rhythmusstörungen und senkt die Wahrnehmung für Warnsignale. Die Kombination aus emotionalem Stress, Alkohol und möglicherweise wenig Schlaf ist aus kardiologischer Sicht ungünstig.
saarnews: Was raten Sie Fußballfans – gerade älteren oder herzkranken?
Isringhaus: Maß halten. Pausen machen, Alkohol begrenzen, Medikamente wie verordnet einnehmen. Und vor allem: Symptome ernst nehmen. Brustschmerzen, Luftnot, Schwindel oder Herzstolpern sind keine Bagatellen – auch nicht während eines Spiels.
saarnews: Sehen Sie in solchen Studien auch eine Chance für Prävention?
Isringhaus: Absolut. Wearables zeigen, wie eng Emotion, Alltag und Gesundheit zusammenhängen. Sie können helfen, Risikosituationen besser zu verstehen – nicht nur beim Fußball, sondern generell. Prävention beginnt mit Bewusstsein. Und manchmal eben auch mit der Erkenntnis: Dieses Spiel ist es nicht wert, die eigene Gesundheit zu riskieren.
saarnews: Zum Abschluss: Bleiben Sie trotzdem Fußballfan?
Isringhaus (lacht): Natürlich. Emotionen gehören zum Leben – und zum Fußball. Man sollte sie nur nicht unterschätzen.

