In einem hochemotionalen Abendspiel im Saarbrücker Ludwigspark trennten sich der 1.FC Saarbrücken und Alemannia Aachen am gestrigen Abend mit 1-1. Der FCS lieferte dabei die beste Saisonleistung ab und das, obwohl Blau-Schwarz nahezu eine gesamte Halbzeit in Unterzahl agieren musste.
Zunächst muss man jedoch den Elefanten im Raum adressieren. Schiedsrichterin Davina Lutz lieferte eine höchst umstrittene Leistung ab. 45 Minuten lang ließ sie praktisch alles durchgehen, übersah dabei bereits einen klaren Foulelfmeter an Tim Civeja in der 28. Der Aachener-Innenverteidiger Wegmann erklärte den Ball zur völligen Nebensache und ging Civeja frontal in den Rücken, viel klarer wird es nicht mehr.

Nach der Pause bekam Caliskaner innerhalb von vier Minuten gelb-rot, aufgrund von zwei Vergehen, die in ihrer Summe allerhöchstens eine gelbe Karte zur Folge haben sollten. Der nicht gegebene Handelfmeter in der 53 setzte dieser Schiedsrichter-Leistung endgültig ihre Krone auf. Zwar lässt sich die Szene auch durch die gegebenen Fernsehbilder nicht vollends aufklären, Florian Pick berichtete nach dem Spiel jedoch von Ademis Worten „also mehr Hand kann ich nicht spielen“.

Nun zum sportlichen Teil. Saarbrücken ließ den eigentlich für ihre intensive Spielweise bekannten Aachenern keinerlei Luft zum Atmen. Aggressiv und dominant im Gegenpressing, dazu mit teilweise wunderbaren Kombinationen im eigenen Ballbesitz, lieferte der FCS die mit Abstand beste Anfangsphase dieser Saison ab.
Doch ein altbekanntes Muster sorgte für die kalte Dusche nach 24 Minuten. Civeja und Sontheimer rücken zu weit vor, wodurch der Sechserraum völlig entblößt wurde. Aachen verlagerte das Spiel auf die linke Seite, Oehmichen bekam viel zu viel Platz und versenkte den Ball sehenswert zum 0-1. Der TSV war bis dahin überhaupt nicht in der Partie, bewies mit der Ausführung dieses Konters aber die Eiseskälte, die sie in den letzten Wochen zur formstärksten Mannschaft Deutschlands gemacht hatten.
Saarbrücken musste sich nach dem Rückstand verständlicherweise kurz schütteln, rannte in der Folge allerdings weiter an. Die Startelfnominierung von Fahrner auf der rechten Abwehrseite hatte vor der Begegnung durchaus für überraschte Gesichter gesorgt. Der Freudenstädter absolvierte jedoch eine herausragende Partie und half dem FCS in Sachen Kombinationsspiel immens. Auch der durch die Schiedsrichterin sichtlich gereizte Civeja bestritt seine vielleicht beste Performance in dieser Spielzeit. Immer wieder organisierte er neue Spielzüge der Saarbrücker und ließ dabei einige Aachener Akteure aussteigen. Caliskaner bewies seine Qualitäten in Sachen Vorantragen des Balles, sein Ausfall gegen Havelse schmerzt daher.

Ebenfalls nicht mit von der Partie sein wird Joel Bichsel, der aufgrund von Meckern seine fünfte gelbe Karte sah. Bichsel avancierte seit der Länderspielpause zum Abwehrchef und bewies in den vergangenen beiden Begegnungen seine grandiosen Fähigkeiten. Seine Worte auf der Pressekonferenz vor dem Aachen-Spiel klingen tendenziell eher nach einem Abschied im kommenden Sommer. In Anbetracht seines Talents wird der Verein dennoch alles daransetzen müssen, ihn zu halten.
Generell kombiniert das Innenverteidigerduo aus Wilhelm und Bichsel vieles, was im modernen Fußball von zwei Innenverteidigern in einer Viererkette gefragt wird. Ein hohes Tempo, Spielverständnis und eine gute Zweikampfführung. Aus Sicht des 1.FC Saarbrücken ist es schade, dass die Zukunft dieser beiden höchstwahrscheinlich außerhalb von Saarbrücken liegen wird.

Die Statistiken dieses Aufeinandertreffens sprechen klar für den 1.FC Saarbrücken. 2,04 xG zu 1,14 für den FCS sind eine echte Ansage, insbesondere wenn man die lange Spielzeit in Unterzahl bedenkt. Elf Abschlüsse innerhalb der Box zeigen zudem die klare spielerische Weiterentwicklung des 1.FC Saarbrücken. Angetrieben durch den funktionierenden Spieleraufbau mit den beiden Sechsern Civeja und Sontheimer schafft es Blau-Schwarz immer öfter durch flache vertikale Bälle in die Tiefe zu kommen. Multhaup ist für diese Art Szenen der ideale Spielertyp, lediglich seine Abschlussqualität lässt stark zu wünschen übrig.
Als größter Gewinn aus diesem hervorragenden Spiel lässt sich aber die neudazugewonnene Mentalität dieser Mannschaft darstellen. Die Geschehnisse rund um die Begegnung in Verl hätten sich Spieler, Fans und Medien gerne gespart, dennoch haben die Ansagen rund um den Totalausfall in Ostwestfalen offensichtlich ihre Wirkung gezeigt. Das für die Öffentlichkeit nicht sichtbare Testspiel in Darmstadt offenbarte bereits eine klare Verbesserung, die beiden folgenden Auftritte gegen Ingolstadt und Aachen lieferten den Eindruck einer aufopferungsvoll kämpfenden Truppe.
Trotz der komplizierten Gesamtsituation lassen sich in dieser Form sicherlich einige Prinzipien aufbauen, die beim Gestalten einer positiven Zukunft für Blau-Schwarz eine Rolle spielen könnten. Der kommende Spieltag beim TSV Havelse darf als endgültige Probe angesehen werden, ob dieses Team es nun wirklich verinnerlicht hat. Zusätzlich wird man mit dem potenziellen Erreichen von 40 Zählern den Klassenerhalt voraussichtlich sichern können.
Spielernoten

Phillip Menzel: Nach einer sehr schwachen Phase vor der Länderspielpause mit enormer Steigerung in den vergangenen beiden Partien. Hielt gegen Ende das Remis fest. 1-

Philip Fahrner: Beim Gegentor zu zögerlich, ansonsten mit einer exzellenten Performance. 1-

Lasse Wilhelm: Hielt die gefährlichen Aachener Gindorf und Schroers gemeinsam mit Bichsel eindrucksvoll im Schacht. 2

Joel Bichsel: Organisiert souverän den Spielaufbau aus der Abwehr, dazu eine absolute Bank gegen den Ball. Sein kommender Ausfall tut extrem weh. 1

Niko Bretschneider: Stark verbessert im Vergleich zu den vorherigen Spielen. 2-

Tim Civeja: Seine vielleicht stärkste Saisonleistung. 1

Patrick Sontheimer: Wie gemacht für emotionale Abendspiele im Ludwigspark, der klare Leader und Kapitän dieser Mannschaft. 1-

Maurice Multhaup: Vor dem Tor zwar kläglich, die Art und Weise, wie er in diese gefährlichen Situationen kommt, sollte aber nicht unterschätzt werden. 2-

Kaan Caliskaner: Pech mit seinem Platzverweis, sonst vor allem mit der Kugel am Fuß sehr ansehnlich. 2-

Kai Brünker: Gegen den Ball stark, in der Summe aber erneut zu ungefährlich. 3
