Start Sulzbach/Saar Altenwald „Lieber Staub in der Wohnung als im Kopf!“

„Lieber Staub in der Wohnung als im Kopf!“

Ein Besuch bei Marlies Krämer

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Sie sitzt in Ihrem Wohnzimmer in der Altenwalder Wiesenstraße und ist gut gelaunt. Trotz Ihres schweren Sturzes vor einigen Monaten vermittelt Marlies Krämer eine Lebensfreude, die man selten antrifft.„Wenn mir nichts mehr wehtut, dann liege ich auf dem Friedhof.“ erklärt sie. „Da ertrage ich die kleineren Alterswehwehchen doch gerne.“

Aber Altersweisheit hin oder her. Es geht auch schnell zur Sache, wenn die aktuelle Politik im Sulzbacher Stadtrat zur Sprache kommt: Die Wahl der Geschäftsführung der Sulzbacher Stadtwerke schmeckt ihr beispielsweise gar nicht, weil die Stelle hätte öffentlich ausgeschrieben werden müssen. So wurde die Entscheidung im Aufsichtsrat hinter verschlossenen Türen getroffen. „Diese Geheimniskrämerei ist eine Sauerei!“

Insbesondere von den Freien Wählern ist sie enttäuscht. Denn während die SPD von vorneherein der Sitzung fernblieb, um das Ergebnis später öffentlich zu torpedieren, vermeldete die FW Fraktion nach der einstimmig getroffenen Wahl, dass die CDU die alleinige Verantwortung für die Bestellung der Doppelspitze trage. „Warum haben die Freien Wähler dann zugestimmt?“ fragt Marlies Krämer und legt entsprechende Artikel aus der Saarbrücker Zeitung auf den Tisch.

Als Vorsitzende des Ortsverbandes Sulzbach sieht sie sich auch in die Pflicht genommen, wenn es um die Steuerbelastung für die BürgerInnen geht. „Die Stadträte sind zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger gewählt!“ Deshalb stellte sich die Linksfraktion entschieden gegen die soeben beschlossene Erhöhung der Grundsteuer und schlägt zum Ausgleich eine Erhebung der Gewerbesteuer vor, die vor 13 Jahren das letzte Mal angehoben wurde.

Geboren wurde Marlies Krämer 1937 in Illingen. Nach dem Krieg besuchte sie die Volks-, Haupt- und Hauswirtschaftsschule und absolvierte eine Lehre als Verkäuferin. 1958 heiratete sie und schenkte vier Kindern das Leben. Als ihr Ehemann 1972 verstarb, stand sie plötzlich alleine da. Daran erinnert sie sich nicht gerne. „Die Zeiten waren damals anders als heute. Als alleinstehende Frau mit vier Kindern stand ich immer im Fokus.“ Aber sie bewies Mut und Zähigkeit und brachte Ihre Kinder durch, etwa in dem sie jahrelang in der Uni Mensa als Küchenhilfe arbeitete. Später absolvierte sie dort ein Soziologiestudium.

Diese Zeit hat sie wohl sehr geprägt, einerseits als Feministin, andererseits als sozial- und ökologisch orientierte Politikerin, die sich bald in der SPD engagierte, für die sie von 1987 bis 1994 im Sulzbacher Stadtrat saß, davon vier Jahre lang als umweltpolitische Sprecherin. „Ich bin im Herzen Sozialdemokratin.“ bekennt Marlies Krämer denn auch, schickt aber gleich den Nachsatz hinterher „Aber was heute aus Berlin kommt, ist Verrat an den sozialdemokratischen Grundsätzen.“

Klare Worte. Die findet sie auch als Feministin: „Wir leben im Patriarchat. Alles ist männlich geprägt.“ Dagegen wehrte sie sich erfolgreich: Als in den 90er Jahren ihr Personalausweis abgelaufen war, wurde sie im Rathaus vorstellig, um einen neuen zu beantragen. Allerdings weigerte sie sich, als „Inhaber“ zu unterschreiben. Das machte Furore. Zwar blieb sie jahrelang ohne Ausweis, aber nach diesbezüglich erfolgreich abgeschlossenen EU Verhandlungen hat der Bundesrat am 19.12.1996 dies ebenfalls beschlossen. Seither muss die Formulierung “Unterschrift der Inhaberin/des Inhabers“ in allen Ausweisen verwendet werden. Dies brachte ihr auch einige Fernsehauftritte, etwa bei Jürgen von der Lippes „Wat is?“ zum Thema „Emanzipation der Sprache“ ein. Die Frauenzeitschrift EMMA kürte sie 1997 zur „Heldin des Alltags“ und wenig später setzte sie bei Jörg Kachelmann durch, dass die Hochs und Tiefs abwechselnd männliche und weibliche Vornamen bekamen.

Parallel zu ihrer Entwicklung als anerkannte Feministin und Politikerin entdeckte Marlies Krämer die Literatur für sich. Bereits 1992 wurde sie Mitautorin des Buches „Wenn politische Frauen kuren.“ Bald darauf erschien „Supermarkt Frühlingswiese“, das von Prof. Diether Breitenbach mit Kästners „Konferenz der Tiere“ verglichen wurde. Marion Ritz-Valentin nahm die Geschichte als Vorlage für ein Musical, das 2003 auf der Kinder- und Jugendbuchmesse in Saarbrücken uraufgeführt wurde.

Eine Sammlung von Briefen enthält „Wirbel im Blätterwald“, versehen mit einem Vorwort des ehemaligen Saarländischen Ministerpräsidenten Reinhard Klimmt. Einen dieser Briefe erhielt auch Hillary Clinton – als Glückwunsch zur Wahl ihres Gatten zum US Präsidenten. Sie ließ es sich nicht nehmen, eine Dankbotschaft nach Altenwald zurückzusenden.

Die Wende der SPD unter Gerhard Schröder konnte Marlies Krämer – wie auch Oskar Lafontaine, den sie sehr schätzt – nicht mit vollführen. 2008 trat sie entsprechend aus der SPD aus und in DIE LINKE ein. Seit Juni 2008 ist sie Vorsitzende des Ortsverbandes und nach der Kommunalwahl 2009 wurde sie Sprecherin für Umwelt und Kultur. Dieser Stab wurde bei der letzten Kommunalwahl an Monique Broquard weitergereicht. „Es war Zeit, dass auch andere ihre Ideen einbringen können.“

Das heißt keineswegs, dass mit Marlies Krämer nicht mehr zu rechnen ist: „Ich liebe es mit Menschen zu diskutieren.“ sagt sie und meint ganz sicher: Ich werde auch weiterhin mitreden…

 

 

 

 

 

 

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